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Nicht strahlend und jubelnd, aber doch „ziemlich zufrieden“ mit seiner ersten Spielzeit: Intendant Johan Simons vor dem Logo der Münchner Kammerspiele.

„Es könnte noch polemischer werden“

München - Johan Simons spricht im Merkur-Interview über seine erste Saison als Intendant der Münchner Kammerspiele, Roman-Adaptionen und seine Pläne.

Am Donnerstag endet mit seiner Inszenierung von Elfriede Jelineks „Winterreise“ die erste Spielzeit von Johan Simons als Intendant der Münchner Kammerspiele. Beim Gespräch in seinem Büro ist der Niederländer, Jahrgang 1946, nachdenklich – und sehr kämpferisch, als es um seine Vorstellungen von einem Stadttheater geht.

Sind Sie in München angekommen – als Mensch und als Künstler?

(Überlegt lange.) Ja, beides. Ich mag die Stadt einfach sehr, fühle mich wohl, wenn ich durch die Straßen gehe. Das bedeutet aber nicht, dass ich keine Kritik an ihr habe: Die Kammerspiele sind natürlich ein Stadttheater. Aber mein Vorgänger Frank Baumbauer hat bereits versucht, sie zu öffnen. Und ich versuche, die Öffnung noch weiter hinzukriegen – über andere Disziplinen. Ich will mich mit Leuten anderer Disziplinen vernetzen. Allerdings habe ich manchmal den Eindruck, dass das Programm für unser Publikum noch unbekannt und ungewöhnlich ist – das merke ich etwa bei den Gastspielen, die ich in diesem Jahr eingeladen habe.

Woran liegt diese mangelnde Neugierde?

Ich will nicht sagen, dass es ein Mangel an Neugierde ist. Das wäre zu stark. Sagen wir: Die Neugierde könnte größer sein.

Ist das Münchner Publikum zufriedener als andernorts?

Die Leute kennen manches einfach nicht. Man muss ein paar Jahre arbeiten, um Künstler bekannt zu machen. Das Programm den Menschen näherzubringen, stellt mich und das Haus vor eine Herausforderung.

Wie fällt das Urteil Ihrer ersten Spielzeit aus?

Die Spielhalle (die zweite Spielstätte des Theaters an der Falckenbergstraße; Anm. d. Red.) ist sehr gelungen. Aber natürlich geht es in erster Linie um das Schauspielhaus, das Herz der Kammerspiele. Und das Herz muss klopfen. Das kann noch stärker werden. Ich habe aber auch nicht erwartet, dass es sofort laufen wird. „Winterreise“ ist aber zum Beispiel eine tolle Aufführung – und das würde ich auch sagen, wenn es nicht so wäre. Glücklicherweise sehen das andere auch so: „Winterreise“ hat in Mülheim funktioniert, war in Berlin ein großer Erfolg und in Zürich auch. Aber es gibt auch Aufführungen, von denen ich denke, dass sie besser hätten sein können. Als Intendant werde ich das aber nicht in der Öffentlichkeit kritisieren. Ich sage also nicht strahlend: „Was für eine Spielzeit!“ Aber für eine erste Spielzeit kann man ziemlich zufrieden sein.

Was hat Sie enttäuscht?

Es könnte noch politischer und polemischer werden. Für mich war diese erste Spielzeit auch ein Experiment: Was geht – und was geht nicht? Wo muss ich mich einfach durchsetzen? Und was muss man langsam bringen, damit die Leute mitziehen? Ich finde es toll, dass wir so viele Abonnenten haben. Sie sind die Basis eines Theaters. Aber dazu müssen wir versuchen, neue, junge Leute anzulocken. Das dauert. Denn natürlich muss sich das Publikum daran gewöhnen, wer ich bin und was mein Programm ist. Ich habe etwa schon vor Jahren begonnen, Romane und Filme auf die Bühne zu bringen. Doch das braucht viel, viel, viel Zeit und Überzeugungskraft, bis das beim Publikum ankommt.

Stichwort Roman- und Filmadaptionen: Genügt Ihnen die dramatische Literatur nicht?

Doch! Aber die Stärke des Theaters ist es, dass es eine Sammelkunst ist. Als das Theater angefangen hat, mit Mikroport zu arbeiten, gab es unglaublich viele Kommentare. Manche Zuschauer haben das gehasst. Als das Theater angefangen hat, mit Videokunst zu arbeiten, haben viele gesagt: „Theater braucht doch kein Video!“ Heute ist es so, dass beides dazugehört. So wird sich das auch mit Film- und Romanstoffen verhalten. Das Gute am Theater ist, dass man mit sehr verschiedenen Arten von Literatur arbeiten kann. Natürlich gibt es genügend Stücke – aber das Theater muss sich immer wieder neu erfinden. Das ist wichtig.

Ist es für einen Theaterregisseur nicht schwierig, bei Filmadaptionen gegen bestehende Bilder anzukämpfen, die oft zum kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft gehören?

Theater ist immer ein Versuch. Und ein Versuch kann scheitern. Dafür wird man zum Teil auch subventioniert. Das bedeutet nicht, dass der Künstler im Vorfeld bereits ans Scheitern denkt. Aber es gibt ihm die Gelegenheit, seine Grenzen zu erweitern. Das ist unglaublich wichtig für das Theater. Im Gegensatz zu den Niederlanden gibt es in Deutschland noch einen Unterschied zwischen Hochkultur und Massen-Unterhaltung. Daraus zieht das deutsche Theater seine Kraft und gibt der Welt ein Beispiel, wie man eine Beziehung zu einer Stadtgesellschaft eingeht, ohne auf kommerzielle Aspekte achten zu müssen. Aus Holland kenne ich etwa nicht, dass ich mein Jahresprogramm erst dem Stadtrat vorstellen muss, dann der Presse und drittens meinen Mitarbeitern. Zuerst muss ich mich vor dem Stadtrat verantworten! Das bedeutet, dass sich die Politiker verantwortlich fühlen für die darstellende Kunst. Und das ist ein unendlich großes Gut!

Wechseln wir die Perspektive: Was dürfen die Bürger von ihrem Stadttheater erwarten?

(Überlegt.) Dass ich versuche, ein breites Repertoire anzubieten und die Leute dafür zu interessieren. Dass ich zeige, dass wir kein Massenmedium sind. Und dass das Theater ein sehr nahes Verhältnis zu den Bewohnern dieser Stadt hat. Die Kammerspiele sind für die Stadt München da.

Sie bekommen jetzt einen neuen Nachbarn auf der anderen Straßenseite, wenn Martin Ku(s)ej Intendant am Staatsschauspiel wird...

Ich freue mich drauf! Es kann gut sein, dass es in drei Jahren eine gemeinsame Produktion gibt. „Öffnung“ ist das Stichwort, keine Abschottung auf Inseln!

Das Gespräch führte Michael Schleicher

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