Körper und Katastrophen - München-Gastspiel: Meg Stuart über Tanz, Kind und inspirierende Kollegen

München - "Damaged Goods" heißt Meg Stuarts Compagnie. Angestoßene Ware? Abfallware? Da ist man schon nahe am choreographischem Konzept. Der aus New Orleans gebürtigen Stuart, nach zehn Jahren in Brüssel und dreijähriger Residenz am Schauspielhaus Zürich zurzeit an der Berliner Volksbühne beheimatet, aber immer auch international unterwegs, geht es um den durch seine Umwelt beschädigten, versehrten Menschen. Im Rahmen von Münchens Access to Dance gastiert sie jetzt mit "Blessed" (2007) in der Muffathalle.

Nach ihrem Bachelor of Fine Arts in Tanz von der New York University war Meg Stuart fünf Jahre Mitglied in der Compagnie von Randy Warshaw. Warum dann Europa? "Ich wurde zum Klapstuk Festival in Löwen eingeladen", erzählt sie. "Bin dann zwei Jahre zwischen New York und Belgien hin- und hergependelt." Ihr "Disfigure Study" fürs Klapstuk 1991 und ihr "No longer Readymade" 1993 (beide auch in München präsentiert) katapultierten sie dann unversehens in eine europäische Karriere. Diese den Körper auf ungewöhnliche Weise dis-figurierenden Arbeiten zeigten für die abstrakte Tanzform frappierend neue Bewegungsmöglichkeiten auf. Es war, als Arbeitsprinzip, eine forschende Geste "bei der man vorher nicht weiß, was man sucht".

Später folgten Großraum-Projekte, wie das mehrere Hallen durchziehende "Highway 101", realisiert in Wien 2000/ 01 mit dem Videokünstler Jorge Leon und dem Regisseur Stefan Pucher, mit dem sie auch einen jetzt fünfjährigen Sohn hat. Aufsehenerregend und viel diskutiert auch ihre Züricher Arbeiten "Alibi" (2001) und "Visitors Only" (2003), in denen der Raum, die Klangkulisse und die Stimmen der Tänzer zunehmende gestalterische Bedeutung bekamen.

Jetzt in "Blessed" wird mit Hütte, Palme und Regenguss eine tropische Naturkatastrophe evoziert. Hat Stuart sich in Richtung Tanz- und Bildertheater entwickelt? Stuart: "Eigentlich habe ich schon in Brüssel für meine Stücke mit bildenden Künstlern zusammengearbeitet. Für ,Blessed hat Doris Dziersk dieses Bühnendesign vorgeschlagen. Und dann hat mich interessiert, wie Francisco Camacho, ein sehr genauer Tänzer, mit ihren Objekten in einen Dialog tritt. Er kann einfache, aber emotional sehr wirkmächtige Bilder entstehen lassen." Natürlich reflektiere das Stück auch die Tsunamis und die Überflutung ihrer Heimatstadt New Orleans.

Alles um uns herum, ob Klimakatastrophe oder der 11. September, wirke sich auf den menschlichen Körper aus. Sie mache daraus keine großen Statements, aber ihre Performer würden das schon zum Ausdruck bringen. Heimweh nach den USA hat sie nicht: "Warum auch, wenn ich hier gut arbeiten kann. In Amerika haben es die Tanzschaffenden nicht leicht. Da müsste eine Veränderung aus den Institutionen, aus den Theatern selbst kommen." Ehrlich und direkt ist auch ihre Antwort auf die Frage, warum sie sich in feste Häuser integriert: "Da arbeite ich neben großen Regisseuren in einer kreativen Atmosphäre. Habe auch die Strukturen zur Verfügung, wie man sie als freie Compagnie-Chefin nicht hat." Berlin sei natürlich viel aufregender als das ruhige, sehr "beschützerische" Zürich. Und unmittelbar inspirierend sei die Volksbühne, "ein Theater, das für Radikalität" stehe.

Und wie schafft die viel beschäftigte Choreographin die Mutterpflichten? "Ich nehme meinen Sohn überall hin mit. Davon kann er nur profitieren. So ist er ja vielen Leuten, vielen Eindrücken ausgesetzt."

Morgen und Freitag,

Muffathalle; Karten unter 089/ 54 81 81 81.

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