Der Körper als Kult und Last

- Zwei Ölgemälde, hier handlich, dort gewaltig. Zwei Nackte, hier ein Mädchen, dort ein Zwitter. Zwei Farbgebungen, hier zurückhaltend natürlich, dort exzentrisch akzentuiert. Zwei Porträts des 21. Jahrhunderts, hier der schüchtern gesenkte Kinderblick, dort der provozierend dahingestreckte Akt. Hier liegt die Nacktheit im Blick, dort liegt die Nacktheit im ganzen Körper.

Ein wunderschönes Gegensatzpaar hängt da im Saal der Münchner Hypo-Kunsthalle, und ein wunderschönes Beispiel dafür, dass sogar die frappantesten Gegensätze einander anziehen können. Das genau ist die große Leistung von "Zurück zur Figur. Malerei der Gegenwart", kuratiert von der neuen Kunsthallen-Direktorin Christiane Lange und Florian Matzner vom museum franz gertsch in Burgdorf, der zweiten Station der Schau: Dass Lucian Freud (geb. 1922) und Jenny Saville (geb. 1970), der bekannte Berliner Maler und die Londoner Newcomerin, völlig heterogen nebeneinander hängen und doch über ein gemeinsames, nämlich über das aktuelle Jahrhundert kommunizieren.

Einem unsichtbaren Voyeur ausgeliefert

In der breiten Auswahl der Schau, bestehend aus rund 120 Exponaten der figürlich menschlichen Darstellung, geschaffen von 80 internationalen Künstlern (vor allem aus den englischsprachigen Ländern sowie den Beneluxstaaten, Deutschland und Polen), zeigt sich diese neue Epoche vor allem in vielfältigen kunsthistorischen Anspielungen. Doch die bekommen nun, im Kontext unserer modernen Gegenwart, überwiegend eine andere, manchmal sentimental, manchmal (etwa die Anlehnungen zum Thema Werbung und Arbeit) auch zynisch wirkende Bedeutung.

Eingebettet in den heutigen Konsum-, Medien-, Star- und auch Gewalt-fixierten Alltag fallen etwa Fotorealismus und Symbolismus, Pop Art und Dada wieder auf fruchtbaren Künstlerboden. Durch albtraumhafte Verfremdung lässt der Londoner Künstler Glenn Brown gar Murillos "Lachenden Jungen" (um 1655-1660) zum "Great Masturbator" (2006) mutieren. Der Körper als Kult- und öfter noch als Anti-Kult, als Freiraum und öfter noch als Last und Laster erscheint als äußerst lebendiger Aspekt in diesen aktuellen malerischen Darstellungen.

Mit ihren Stichproben wolle die Schau nicht etwa eine neue Schule nach Vorbild der Leipziger gründen, betont Lange. Vielmehr diene sie als Überblick über die junge Kunst des 21. Jahrhunderts. Und deren Bezugnahmen, könnten hierbei jedoch wiederum nur die Spitze eines Eisbergs bilden. Tatsächlich zeichnen sich beim Durchwandern der Ausstellung - lose gegliedert in die sechs Kapitel "sachlich-magisch-surreal", "porträt", "körper und psyche", "pop-crossover-subkultur", "alltag-gesellschaft-politik" und "welten-gegenwelten" - vor allem zwei Tendenzen ab.

Die eine bezieht sich auf die Künstler, deren Selbstreflexion sich offensichtlich als eine in persönlicher wie professioneller Hinsicht suchende reflektiert, eindrucksvoll zu spüren in Stephen Conroys "Self Portrait II" zwischen fotografischer Abbildung und malerischer Abstraktion. Die andere Tendenz spricht aus einer Vielzahl der Figuren von Maria Lassnig bis Regina Götz: eine desolate Isolation, eine beklemmende Ausgeliefertheit vor einem unsichtbaren Voyeur, der einerseits der Maler selbst, andererseits auch der Betrachter sein kann. Als Folge dieser Isolation scheint aber wiederum, was auch das Gegensatzpaar von Freuds Mädchen und Savilles Zwitter vereint und was die Ausstellung in der Kunsthalle so eindrücklich macht: der geheimnisvolle Teil ihrer selbst, den die Figuren trotz aller Bloßlegung verschlossen halten.

Bis 13. August tgl. 10-20 Uhr. Info 089/ 22 44 12; www.hypo-kunsthalle.de. Der Katalog kostet 25 Euro.

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