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Die Vier vom Berg: (v.l.) Matthias Meichelböck, Michael von Mücke, Maxi Pongratz, Martin von Mücke. Zusammen sind sie das Kofelgschroa, benannt nach dem Berg in ihrer Mitte. Am Sonntag, 20 Uhr, ist Plattenvorstellung (Kranhalle, München).

Das neueste Gschroa aus Oberammergau

Oberammergau - Ein Geheimtipp sind sie schon lange: Kofelgschroa aus Oberammergau macht Volksmusik, aber anders. Eigen. Abgefahren. Jetzt kommt ihre erste Platte raus. Die Warterei hat sich gelohnt: So was hat man noch nicht gehört.

Irgendwann hat der Maxi Pongratz, 24, seine neuen Lieder einfach nach Hause telefoniert. Hat sie den anderen 700 Kilometer südwärts durchs Telefon gesungen. Musst ja was machen gegen dieses elendige Heimweh. „Ich bin damals in Berlin gehockt – und war traurig“, sagt der Maxi heute, ein paar Monate nach seinem Hauptstadtversuch. Er sitzt in Oberammergau im Eiscafé Paradiso, gleich beim Passionstheater, trinkt einen Kaffee und dreht sich eine Zigarette . „Ich wollte Berliner werden“, sagt er. Aber so recht geklappt hat’s dann doch nicht. Er ist wieder heimgekehrt, seine Bandkumpanen haben ihn zurück ins Ammertal geholt. Ein Glück.

Gerade sitzen sie neben ihm, seine drei Kumpanen Matthias Meichelböck, 25, sowie die Brüder Michael, 26, und Martin von Mücke, 24. Zusammen sind sie Kofelgschroa, eine herrlich querschädelige Band aus diesem herrlich querschädeligen Bergdorf der mal bärtigen, mal brummigen Herrgottschnitzer. Vor ein paar Jahren sind die Vier noch unter dem arg traditionellen Namen Kofelmusi aufgetreten. Der Kofel, das ist der Hausberg von Oberammergau. Die Reorganisation des Bandnamens verdanken die vier Musiker dem Gemeindegärtner des Passionsdorfes. Der Maxi ging damals bei ihm in die Lehre, irgendwann hat er seinem Meister erklärt, was er in seiner Freizeit so veranstaltet. „Des werd scho so a Gschroa sein“, polterte der Gärtnermeister. Geboren war der neue Bandname.

Als Geheimtipp gilt das Kofelgschroa schon lange, mit Tenorhorn, Helikontuba, Flügelhorn, Gitarre und Akkordeon sind die vier nicht weit weg von einer traditionellen Volksmusikbesetzung. Aber was sie auf der Bühne veranstalten, ist dann doch ein abgefahrenes Stück Musik. Die Texte wiederholen sich mantrahaft, sind mal abgedreht, mal dadaistisch, als ob Karl Valentin dem Kofelgschroa ein paar Zeilen hinterlassen hätte. „Friana oder spater braucht a jeder Mensch sein Schlof, die meisten Leut nehm si Zeit dafür und a paar holn’s auf im Grab“, heißt es im Schlaflied.

Der perfekte Ort für die Kofelgschroa-Musik liegt irgendwo zwischen Kneipe, Club, Hausbank, Natur und U-Bahnschacht. Das ist jedenfalls die Selbstbeschreibung der vier Musiker. Kofelgschroa – „das ist ein Lebensprojekt, ein gemeinsames Kind“, sagt Maxi. „Ein Kind, das gemeinsam aufgezogen wird.“ Und, jetzt, nach ein paar Jahren Anlauf, nach Streit innerhalb der Band, nach einer zwischenzeitlichen Bandauflösung, nach Maxis Kurzflucht nach Berlin, nach Matthias’ Hochzeit und was noch so dazwischen kam, gibt es sie jetzt endlich: die erste Kofelgschroa-Platte, erschienen bei Münchens Indie-Label Trikont, aufgenommen in Weilheim bei Micha Acher („The Notwist“).

Den ersten Tag im Studio haben die vier zwar verballert, Maxi hat sein Auto nicht mehr gefunden. Er hatte es irgendwo in München abgestellt, aber an den nächsten Tagen lief’s umso besser. Das Kind ist inzwischen wohlbehütet auf die Welt gekommen, man kann es seit heute im Laden kaufen. Eine leichte Melancholie durchweht die Platte, sagt Maxi bei der zweiten Tasse Kaffee, „wie ein Novembernebel“. Es ist eine urwüchsige Kraft, die in der Band steckt. Man sitzt da mit diesen jungen Männern in ihren Trachtenjankern und hört zu wie sie lustigen Blödsinn reden, aber nie albern werden, wie sie ihre Sätze beginnen, in ihre Sätze regelrecht reinschlurfen und am Ende des Satzes ein philosophisches Loch aufreißen.

Wahrscheinlich kommen die so zur Welt, hier in Oberammergau. Wahlweise als kleine Anarchisten, Existenzialisten oder anderweitige Querköpfe. „Kunst darf Fragen aufwerfen“, sagt Martin von Mücke. „Wär’ ja langweilig, wenn jede Antwort schon da wäre, dann bräuchte man nicht mehr denken.“

Im Lied „Eintagesseminar“ singen sie vom Leben nach dem Tod, dass sie aber eh nicht wissen, ob’s so was gibt, sie da böse überfragt sind, man aber ja mal wen fragen könnte – einen Studierten zum Beispiel. Nur eines, das wüssten sie ganz sicher: „Von Graswang bis zum Ammersee/ Fließt dasselbe Wasser eh/ Koaner braucht dafür was doa/Abwärts geht’s von ganz aloa“. Das ist natürlich smart, sympathisch verschroben. Oberammergauerisch.

Die Musik, die sie spielen, und die Texte, die sie singen, „machen wir, weil wir keine Antworten wissen, aber viele Fragen haben“, sagt Maxi auch gleich. „Wir wollen die Leute anregen, uns Antworten zu geben.“ Kofelgschroa will anecken, da darf auch mal unsauber gespielt werden, es ist Heimatmusik ohne Tümelei und Umtata, Volksmusik, die auch in der Großstadt funktioniert.

Am Anfang war sich die Band allerdings gar nicht sicher, ob sie überhaupt eine Platte aufnehmen will. „Wir haben Schiss gehabt, dass wir aufgeblasen werden wie ein Luftballon“, sagt Michael von Mücke. „Und dann platzt alles.“ Inzwischen sind sie froh, den Schritt gemacht zu haben. Es macht die Geschichte irgendwie rund. Das Kofelgschroa hat gestritten, wusste nicht, wie es künstlerisch weitergehen sollte, hat sich getrennt – und wieder gefunden. Es sind die große Themen, an denen sich die jungen Männer abarbeiten. Heimat, Freundschaft, Heimkehr. Auch für heute Mittag haben sie sich noch viel vorgenommen. Sie wollen noch ein komplettes Musikvideo drehen. Sie wissen nur noch nicht wo. An der Tankstelle vielleicht oder im Krankenhaus, mal schaun. Wird scho werden. Sie zahlen ihre Kaffees und stehen auf. „In Ammergau alleine ist auch fad“, sagt Michael von Mücke zum Abschied, schaut die anderen an, dann trotten die Vier davon.

Stefan Sessler

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