Kohl und anderes Gemüse

- Um dem wachsenden Verkehr am noblen Elternhaus neben dem Brandenburger Tor entgehen zu können, erfüllte sich Max Liebermann (1847-1935) einen Traum. Er erwarb am Großen Wannsee 1909 das letzte freie Wassergrundstück. Als Sommerwohnsitz baute er sich dort ein Landhaus. Und als 1915 die Lebensmittel knapp wurden, ließ er den gesamten Rasen umpflügen und mit Kohl bepflanzen. Voller Stolz erklärte er, als er im Juli 1910 mit Frau Martha und Tochter Käthe dort einzog: "Sehen Sie, diese zehn Finger haben alles in zwei Jahren ermalt: Grundstück, Haus, Gartenanlage und Einrichtung."

<P>Nun war er - lange gescholten als "Apostel des Hässlichen" - gesellschaftlich auf dem großbürgerlichen Niveau angelangt, dem er als Fabrikantensohn entstammte. Liebermanns Spätwerk enthält vorwiegend Darstellungen seines Refugiums am Wannsee. Diese Bilder sind nicht so impressionistisch bis zur Auflösung der Formen wie bei Claude Monet im großen Garten von Giverny, doch die Intentionen sind ähnlich. Im Rhythmus der Farbe wahrte, bei aller Lockerung des Duktus, Max Liebermann den Gedanken an die räumlichen Komponenten, an Merkmale der Bildordnung.<BR><BR>Beispiele, in denen er sich dem Reiz und Rausch von pastos bewegter Farbe und flirrendem Licht hingab, enthält die rund 90 Gemälde und Arbeiten auf Papier enthaltende Ausstellung der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall: "Max Liebermann - Poesie des einfachen Lebens". Der Handelskonzernchef Reinhold Würth hilft bei der Sanierung der für künftige Museumszwecke vorbereiteten Wannseevilla in der Nachbarschaft einer neuen eigenen Firmenrepräsentanz.<BR><BR>Mit Kohl und anderem Gemüse wusste Liebermann in altholländischer Manier bereits recht appetitlich und prägnant umzugehen, als er 1873 - angeregt durch den deutsch-ungarischen Maler Munkácsy (Michael Lieb) und gleichsam als Abschluss seiner Weimarer Studienzeit - sein großes Küchenstillleben mit sich selber als Koch im Hintergrund malte.<BR><BR>In Amsterdam faszinierten ihn die säuberlichen Ordnungen und die stille Demut der nähenden Mädchen im Waisenhaus und die schwarz gekleideten Männer unter dem leicht besonnten Laubengang eines katholischen Altenheims. Der Akkuratesse von Wäschebleichen antworten die locker skizzierten Studien von Brabanter Spitzenklöpplerinnen, einer jungen Mutter unter Bäumen und das Aquarell einer Dachauerin.<BR><BR>Vor der antisemitischen, Hetze floh Liebermann 1879 aus seinem Atelier in der Landwehrstraße, das er von 1878 bis 1878 unterhielt, ins Dachauer Land, wo er in Etzenhausen den Dorfteich mit badenden Kindern und Wäscherinnen malte. Als Modell für seinen Jesus im Tempel hatte Liebermann den barfüßigen Sohn eines italienischen Maurers genommen und für die Schriftgelehrten einige bärtige orthodoxe Russen aus dem Männerheim. Leider übermalte Liebermann die Figur des leicht gestikulierenden Jungen dann doch ins Engelhafte und zog ihm Sandalen an. Christliche oder mythologische Themen mied Liebermann fortan.<BR><BR>Das mondäne Leben am Strand von Noordwijk wurde nur in Randzonen zum Motiv. Badende Knaben und an der Düne beim Überstreifen der Hemden boten Einiges mehr an Naturnähe und Wahrhaftigkeit. Der Vollständigkeit halber werden in Schwäbisch Hall auch einige Porträts gezeigt. Das Beste dabei sind die Selbstbildnisse und der Chirurg Sauerbruch.</P><P> Bis 29. Februar täglich 10 bis 18 Uhr, Katalog 20 Euro. <BR>Tel. 0791/ 94 67 20.<BR><BR></P>

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