Kokon der Coolness

- "Aber dies Ineinander von Zurückhaltung und Frechheit, von feiger Eifersucht und erlogenem Gleichmut - von rasender Leidenschaft und leerer Lust, wie ich es hier sehe - das find' ich trübselig und - grauenhaft. Der Freiheit, die sich hier brüstet, der fehlt es an Glauben an sich selbst. Darum gelingt ihr die heitre Miene nicht, die sie so gerne annehmen möchte, darum grinst sie, wo sie lachen will."

<P>Eine kühle, scharfe Diagnose, die hier Franz Mauer, der Arzt und Freund Friedrich Hofreiters, der Gesellschaft stellt und aus dessen Mund der Autor selbst spricht. Nach "Jedermann", "Da Ponte in Santa Fe" und dem "Maß der Dinge" hatte jetzt als vierte Schauspielproduktion der Salzburger Festspiele "Das weite Land" von Arthur Schnitzler (1862-1931) Premiere. Im Landestheater inszenierte Andrea Breth diese Tragikomödie über den bürgerlichen Geldadel der alten k.u.k-Monarchie als ein großes Panorama der Melancholie.</P><P></P><P>Zwei gläserne, durchlässig schimmernde Wände bestimmen und variieren den Bühnenraum, der mit einem dunklen, von Pfützen bedeckten, leicht hügeligen Boden ausgestattet ist. Während vordergründig im Dialog die Seelen blank liegen, sehen wir im Hintergrund die bunten Schatten dieser Freizeitritter bei ihren Tennisvergnügungen. Nur einmal wird die auch im Bühnenbild zur Schau gestellte, lässige Gleichmut krass unterbrochen: durch einen effektvoll prasselnden Hagelschauer, der für einen kurzen Moment die Szene in eine Eislandschaft verwandelt, ehe für den Akt in der Hotelhalle am Völser Weiher wieder das Prinzip der ungefähren Durchschaubarkeit gilt.</P><P>"Das weite Land" - das ist hier ja nicht nur eine ironische Anspielung auf Fontanes "Effi Briest" und sein "weites Feld". Gemeint ist bei Schnitzler damit auch das unbestimmbare Innere seiner Figuren, die kaum zu definierende Sehnsucht dieser Upper-Class-Menschen, ihre Unfähigkeit zum Gefühl, ihr Überdruss und Überfluss. Ein Stück also, das knapp hundert Jahre nach seinem Entstehen atmosphärisch doch wieder ziemlich nah dran ist an der heutigen Gesellschaft. Breth hat die Stimmungen gut inszeniert, sehr genau die Beziehungen der Figuren untereinander, die Blicke, die flüchtigen Berührungen, die ins Leere greifenden Gesten, die Tragik, die sich wie nebenbei ereignet. Im Ganzen aber ist ihr die Aufführung ein bisschen zu elegisch, zu lethargisch geraten, als dass genügend Raum bliebe auch für die Komik dieser Schnitzler-Gestalten. Was die Zuschauer vor allem im langen dritten Völser-Hotelhallen-Akt zu einiger Geduld zwingt. </P><P>Die modernste Figur in diesem Reigen der Betrüger und Betrogenen, der Treuen und Treulosen, für die der Tod nur so viel wert ist, wie er an Klatsch hergibt, ist der überragende Sven-Eric Bechtolf als Friedrich Hofreiter. Mit Mantel, Schlapphut und Zigarre betritt er als Souverän die Szene, von seiner Fabrik aus Wien direkt in seine Villa in den noblen Vorort heimkehrend, mitten hinein in die sich vergnügende Gesellschaft. Der Erfolgsmann schlechthin. Amerika lockt geschäftlich, man wird rüberfahren, vielleicht sogar mit der Frau Gemahlin. Wenn da jetzt nicht der Selbstmord des Pianisten gewesen wäre und die sichere Vermutung, dass der etwas mit Genia zu tun haben könnte. Wenn da nicht seine frisch beendete Affäre mit der Bankiersfrau Adele (herrlich flirrig: Andrea Clausen) wäre. Und wenn es nicht Erna gäbe, das junge Mädchen, zu dem es ihn gerade treibt (von schönem, jugendlichem Selbstbewusstsein: Birgit Minichmayr).</P><P>Bechtolfs Hofreiter: ein innerlich gehetzter Zyniker, mit dem tänzelnden Gestus des Junggebliebenen. Einer, der illusionslos alles durchschaut und doch nicht anders kann. Ein Getriebener, ein Spieler, auf den die Frauen fixiert sind und der sich schon mal eine Abgedankte rasch in den Schoß drückt. Ein faszinierender Typ, in seinem Ekel an dieser Welt und an sich selbst. Bechtolf gibt ihm eine eitle, lässige Manieriertheit als äußere Schale, durch die er jeden hier beherrscht und hinter der er seine Lebensmüdigkeit verbirgt. Als wolle er raus aus diesem Kokon seiner Coolness, provoziert er mit einem Glas Champagner ins Gesicht des jungen Rivalen (Johannes Zirner) schließlich das Ende, das Duell, das ihn aus allen Fesseln befreien soll. Doch Männer wie Hofreiter sind nicht umzubringen. Wie Bechtolf das spielt, zwischen Kälte und Seelenpein, mit einem kurzen Aufschluchzen, ist sehenswert.</P><P>Nicht umzubringen sind aber auch diese Frauen. Alle drei gut, wenngleich die nervige Corinna Kirchhoff ihre Genia so lasziv schwächeln lässt, als befände sie sich ohnehin nur im Schwebezustand zwischen Leben und Tod. Ein bisschen zu viel davon. Mit herrlich abgeklärtem Witz und einer guten Portion Selbstironie aber wandelt Elisabeth Orth - übrigens die Einzige mit deutlich wienerischem Ton - als Frau Wahl durchs Stück.</P><P>Äußerst präsent und beeindruckend in seiner Bescheidenheit: Werner Wölbern in der Rolle des eingangs zitierten Arztes Franz Mauer. Alle anderen Darsteller bleiben relativ blass, so, als sei Regisseurin Andrea Breth mit ihrem Burgtheater-Ensemble noch nicht ganz fertig geworden. Was so schlimm nun auch nicht ist. Denn insgesamt ist dieses "Weite Land" eine kluge, in ihrer erotischen Spannung fein ausziselierte Inszenierung.</P><P>SABINE DULTZ</P><P>Weitere Vorstellungen: 17.-20., 22.-27. August.<BR></P>

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