Die Kollegen des Blauen Reiter - eine Ausstellung

München - Lenbachhaus-Kurator Matthias Mühling spricht über das Lebensgefühl des KünstlersDe Stilj. Dessen Werke werden in der Ausstellung „Mondrian und De Stijl“ im Kunstbau zu sehen sein. Den Münchnern sollte der Stil bereits bekannt sein. 

Farbklarheit und Fröhlichkeit in der Abstraktion – obwohl sie streng dem Rechteck folgt – sind Piet Mondrians Markenzeichen. Ab 16. April wird man sie ausgiebig im Münchner Kunstbau genießen dürfen. Das Lenbachhaus holt die Gemälde des niederländischen Künstlers (1872-1944) hierher und erweitert zugleich den Blick auf Design: „Mondrian und De Stijl“ heißt die Schau (unsere Zeitung ist der Medienpartner) und erzählt von jener Zeitschrift, der Gruppe und ihren gestalterischen Zielen, dem berühmtesten Mitstreiter – und einem Lebensgefühl. Matthias Mühling ist für das Großprojekt der Kurator im Lenbachhaus.

Was war denn das Lebensgefühl, das De Stijl vertreten hat?

Das Lebensgefühl – und deswegen ist die Ausstellung im Lenbachhaus – ist das gleiche, wie wir es in München beim Blauen Reiter haben: eine Gruppe von Künstlern, die hochintellektuell sind und publizieren. Sie haben die feste Auffassung, dass man die tradierte Kunstgeschichte verändern muss. Es gibt zwei Wege, das zu tun: Das sind die Farbe und die Abstraktion – das hängt übrigens stark mit der Konkurrenz zur Fotografie zusammen. Insofern passiert in Domburg und in Murnau etwas Ähnliches. Die Abstraktion generell entsteht so um 1911. Aber die Vorbereitung darauf ist eine längere, man muss den Impressionismus mit einrechnen.

Und das Bauhaus?

Die Querverbindungen sind sehr stark. De Stijl veröffentlicht in allen europäischen Sprachen. Auch auf Deutsch. Alles, was dort von Mondrian und Theo van Doesburg auf Niederländisch erscheint, wird fürs Bauhaus übersetzt. Das ist eine international vernetzte Avantgarde. De Stijl hat ein offeneres Konzept als der Blaue Reiter. Es gibt viel mehr Medien: Film, Tanz, Literatur, Musik. Das Wichtige ist die Entgrenzung der Künste – hin zum Leben. Und das dann auch wirklich gelebt: De Stijl hat sehr viel Werbung, auch Typografie gemacht. Die Künstler haben gehofft, wenn sie die Werbung für sich entdecken, bekommen sie eine stärkere Anbindung ans Publikum. Diese Abstraktion ist einfacher als bei Kandinsky: Bei ihr gibt es Raster, die schwarzen Linien, Rechtecke und Quadrate und die Primärfarben sowie weiße und graue Hintergründe. Damit kann man alles gestalten: Film, Typografie, Theater, Auto-Design, Architektur, Wohnungsbau und Stadtentwicklung.

Warum Piet Mondrian hierher holen?

Die Gruppe De Stijl – hier „Komposition De Stijl“ von Vilmos Huszár – wollte ab 1917 ein neues Lebensgefühl schaffen.

Von Helmut Friedel, dem Chef des Lenbachhauses kam die Idee, die vor allem eine Verpflichtung ist. Es gibt drei große Figuren der Abstraktion: Kandinsky, Malewitsch und Mondrian. Insofern müssen wir allen, die sich bei uns für Kandinsky und den Blauen Reiter interessieren, erklären, wie die Abstraktion in anderen Zusammenhängen aussieht. Wenn man es auf den Punkt bringt: Bei Kandinsky haben wir eine lyrische Abstraktion und bei Mondrian eine geometrische. Eine alleinige Mondrian-Ausstellung wäre unfair gewesen, denn van Doesburg war auch stark beteiligt. Außerdem ist es eine Bewegung die aus ganz, ganz vielen Leuten bestanden hat und in der so bahnbrechende Dinge entstanden wie die abstrakten Filme von Viking Eggeling und Hans Richter oder die radikalen Bühnenentwürfe von Friedrich Kiesler. Dadurch wird klar, dass man Piet Mondrian im Kontext zeigen muss. Er ist die wichtigste Figur, aber es gibt in der Ausstellung auch alle anderen Protagonisten. In Deutschland hat es dazu noch keine derart umfassende Museumsausstellung gegeben.

München ist Mondrian-freie Zone. Wie stark müssen Sie Nachhilfe leisten?

Ich glaube, man braucht keine Nachhilfe, weil De Stijl erfolgreich gewesen ist bis hin zur L’Oréal-Studioline. Was man aber noch stärker erklären kann, ist, welche politische Idee in De Stijl steckt: Dass man geglaubt hat, man könne die Welt so gestalten, wie man möchte. Besonders im sozialen Wohnungsbau in den Niederlanden ist De Stijl ungeheuer wirkmächtig gewesen. Es ist wie beim Blauen Reiter: Die gehen in die Welt hinaus. Wir beginnen in der Schau schon zehn Jahre vor dem ersten Erscheinen von De Stijl im Jahr 1917, zeigen also, wie es dazu kam und erzählen auch von den bei uns unbekannten Künstlern. De Stijl konnte länger wirken als der Blaue Reiter, weil die Niederlande im Ersten Weltkrieg neutral waren. Beim Bauhaus kommen die Vorstellungen wieder zusammen. Es geht bei beiden Gruppen darum, dass Kreativität nicht etwas ist, was einem Einzelnen einfällt, sondern einer Gruppe. Die Kreativität ist immer die Kreativität von vielen. Das ist interessant, weil heute jede Konzernzentrale so denkt. Wenn man sich zusammenschließt, entstehen die fruchtbarsten Projekte. Auch dass man wie beim mittelalterlichen Kathedralenbau in Werkstätten zusammenarbeitet. Das ist De Stijl.

Wie ist es mit dem frühen Mondrian?

Wir zeigen den kompletten Mondrian exemplarisch. Es gibt die Beschäftigung mit dem Kubismus. Den Weg in die Abstraktion haben wir vollständig; die ersten Rasterungen. Wir bieten den neoplastizistischen Mondrian und ein New-York-Bild.

Wie integrieren Sie Film, Bühnenbild, Architektur, Möbel...?

Es gibt Dinge, die wir nicht darstellen können. Nichts kann den realen Gang durch Architektur ersetzen. Aber wir haben Modelle und Zeichnungen. Wir versuchen auch, in Projektionen die reale Architektur zu zeigen. Ich betone: Es gibt einen klaren Schwerpunkt auf der Malerei. Nicht weil die Malerei in De Stijl die Königsdisziplin ist, sondern weil wir ein Kunstmuseum sind. Das können wir am besten. Aber alles, was in De Stijl wichtig war, ist in unserer Schau exemplarisch vertreten. Wir haben Möbel, Film, Tanzentwürfe, auch Skulptur – und ein Kabinett nur mit Werbung. Interessant war das Ziel, mit Werbung Kunst zu machen, um damit andere Menschen als reine Kunstfreunde anzusprechen. Heute fällt es schwer, diese Arbeiten nicht als Kunst wahrzunehmen. Dieses Nebeneinander setzen wir bewusst ein.

Sie arbeiten mit dem Gemeentemuseum von Den Haag zusammen. Wie läuft das ab?

Man hätte die Ausstellung überhaupt nicht realisieren können, wenn wir nicht diesen Sammlungstausch gemacht hätten. Wir hätten niemals 120 Leihgaben aus dem Gemeentemuseum bekommen. Denen mussten wir etwas anbieten. Es gibt nichts Naheliegenderes als die beiden Sammlungen: Blauer Reiter und De Stijl. Das dortige Museum hat die gleichen Probleme wie wir, finanziell und personell. Das ist schon ein gewaltiger logistischer Aufwand, sowohl für sie wie für uns. Besonders für die Restauratoren und die Ausstellungsorganisatoren. Es ist ein Glücksfall, dass wir diese Zusammenarbeit eingehen konnten. Leihgaben aus allen möglichen Ländern hätten wir uns nicht leisten können – da müsste man Millionen ausgeben. Das Gemeentemuseum ist wie unser Lenbachhaus ein Schmuckkästchen mit starker nationaler Anbindung – so ergab sich eine sehr schöne und fruchtbare Kooperation.

Warum kann auch die heutige Werbe-Welt so viel mit Mondrians Raster anfangen?

Einerseits Wiedererkennbarkeit, und andererseits handelt es sich um einen Endpunkt. In der Malerei gibt es oft den vielbeschworenen Endpunkt. Bei Mondrian ist er so ikonisch, dass dies für Werbung interessant ist. Ich glaube, es gibt immer wieder ein Lebensgefühl, das sich dann mit Mondrians Kunst trifft. Ein Lebensgefühl einer technisierten Welt, die einheitlich gestaltet ist.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

Ausstellung vom 16. April bis 15. August, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Kunstbau im Zwischengeschoss der U-Bahnhaltestelle Königsplatz

Rubriklistenbild: © Kurzendörfer

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