Die Komik der Vergeblichkeit

- Was ist die Wahrheit im Verhältnis zu einem Foto? Was vermag die akkurate Ablichtung eines Menschen gegen die Kunst der Worte oder die Imagination der Bühne und des Spiels? In die Seele hinein blickt nur der Dichter. Und nur er kann ihr Inneres sichtbar machen.

<P>In seiner frühen Erzählung "Er und sie" schreibt der gerade erst 20-jährige Anton Tschechow (1860-1898) über das trügerische Wesen der Fotografie, die Ende des 19. Jahrhunderts eine noch sehr junge Profession war. Er erzählt hier die Geschichte einer Ehe zwischen einer gefeierten Sängerin und ihrem schmarotzenden Mann. Die Frau gilt als schön, doch der Erzähler stellt richtig: "Sie sehen kann man nur auf den Porträtfotos.</P><P>Auf diesen Fotos ist sie eine Schönheit, eine Schönheit aber war sie nie. Glauben Sie deshalb diesen Fotos nicht: Sie ist eine Missgeburt. Die Mehrheit sieht sie, wenn sie auf der Bühne steht." Doch: "Auf der Bühne sieht sie sich am wenigsten ähnlich." Und ist aber gerade dort vielleicht der Wahrheit am nächsten: "Sie weiß und versteht alles: die Liebe, den Hass, die menschliche Seele. . . Was muss man für eine Schauspielerin sein, um die eigene Natur in sich zu überlisten und zu bezwingen. . ."</P><P>Der Widerspruch zwischen Schein und Sein, Kunst und Leben, zwischen Wahrheit als Lüge und Lüge als Wahrheit ist es, den schon der junge Tschechow hier immer wieder thematisiert. Zunächst noch mit unbändigem Witz, zunehmend mit grundierter Trauer über die Unabänderlichkeit des menschlichen Wesens, der Absurdität des Seins, der unstillbaren Sehnsucht nach Vollkommenheit.</P><P>Einhundertachtzehn Erzählungen des schreibenden Medizinstudenten aus Taganrog hat Peter Urban ins Deutsche übertragen. Die Mehrheit davon ist zum ersten Mal auf Deutsch erschienen. Das gesamte Konvolut ist jetzt in zwei Bänden bei Diogenes herausgekommen. Diese hervorragend edierte Ausgabe ist ein Muss für jedermann, für Russland-, Tschechow- und Menschen-Liebhaber. Entstanden zwischen 1880 und 1887, finden wir in dieser Kurzprosa bereits die tragikomischen Wehmutshelden seiner reifen Werke. Als seien die Erzählungen Fingerübungen für die spätere dramatische Meisterschaft.</P><P>Tschechow nimmt die Beamten, die Trinker, die Ärzte, die Deutschen aufs Korn. Und natürlich die Dichter, Theaterdirektoren und Schauspieler. Denn das Theater - überall in Russland gab es damals Liebhaberbühnen - erfährt er sehr früh als das Symbol für die menschliche Gesellschaft und den Schauspieler als deren Protagonist. Er kennt die Höhen und Tiefen, das Glück und die Pein, die Erhabenheit und die Lächerlichkeit des Künstlertums, und er beschreibt dies alles mit hinreißender, fein ironischer Menschenliebe. "Vor einer halben Stunde habe ich auf mich geschossen, und jetzt posiere ich. . . Erklären Sie mir das!", verlangt der verhinderte Selbstmörder und Darsteller von seinem Lebensretter, dem Schriftsteller, und fordert ihn auf: "Machen Sie etwas Humoristisches daraus."</P><P>Wenn wir die Erzählungen Tschechows lesen, von denen kaum eine länger ist als zehn Seiten, wissen wir auch, bei wem sich seine späten Kollegen des 20. Jahrhunderts wie Samuel Beckett, Helmut Qualtinger oder Thomas Bernhard bedient haben. Die Komik der Vergeblichkeit, aber auch die Würde im Niedergang - scheinbar mühelos hat das Genie aus Russland die Vorgaben für die gesamte moderne Literatur geliefert.</P><P>Die vielleicht wundervollste Erzählung ist jene, in der die Schauspieler einer kleinen Schmierenbühne "Das Jubiläum" ihres Tragöden Tigrov feiern. Auf dem Höhepunkt des stolzen Besäufnisses trumpft der alte Komödiant auf: "Vor euch, Freunde, steht der klapprige Schauspieler Tigrov, jener, welcher die Mauern von sechsunddreißig Theatern zum Erzittern gebracht hat, jener, welcher die Gestalten des Belisar, des Othello, des Franz Moor verkörpert hat. Sechsunddreißig Städte kennen meinen Namen. . ."</P><P>Wie schön, wie komisch, wie traurig. Man weiß nicht, ob man weinen soll oder lachen über das Lamentieren jener armseligen Musensöhne und Intriganten, in denen sich die Welt spiegelt. Man weiß nur, man muss diese Geschichten immer und immer wieder lesen. "Es reicht", sagt hier der Autor, "den Erinnerungen zuzuhören, und man vergibt dem Erzähler all seine Verfehlungen, gewollte oder unwillkürliche, man ist hingerissen und beneidet ihn." Genau so geht es uns heute mit diesen Erzählungen Anton Tschechows. </P><P>Anton Tschechow: "Er und sie" und "Ende gut". Frühe Erzählungen in zwei Bänden. Übersetzt und herausgegeben von Peter Urban. Diogenes Verlag, Zürich. 618 und 528 Seiten, jeweils 24, 90 Euro.<BR><BR></P>

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