Die Kommandantentochter

- "Es gibt keine Lösung. Das ist ja das Problem! Das ist das Problem meines Lebens." - Es bleibt nur dieses unbefriedigende Fazit, das Monika Göth heute und in aller Zukunft ziehen kann. Die fast 57-jährige Frau, die in Bad Tölz geboren wurde und in München aufwuchs, ist eine vom Schicksal schwer geschlagene Frau: Sie ist die Tochter von Amon Göth, dem Kommandanten des Konzentrationslagers im polnischen Plaszow. Das ist jenes Lager, aus dem Oskar Schindler "seine" jüdischen Arbeiter verpflichtete, dessen Leiter Göth sich aber durch besondere Grausamkeit traurigen Ruhm erworben hat.

<P><BR> Das Erschießen einzelner Häftlinge vom Balkon seiner Villa galt ihm, der sich als Herr über Leben und Tod aufspielte, als sozusagen sportliches Vergnügen. Mindesten 500 von Göth ermordete Kinder, Frauen, Männer sind das Pflaster, auf dem Monika ihren Weg gehen muss. Dazu das quälende Wissen, dass ihre Mutter als Geliebte Göths all die Untaten tolerierte.<BR><BR>Der Münchner Autor Matthias Kessler hat aus einem zweitägigen Interview mit der Kommandantentochter ein Buch gemacht. Man liest es mit Staunen, Erschrecken und Mitleid und wird dabei das Gefühl nicht los, dass diese "Klausurtagung", zu der sich Kessler und Monika Göth in ein Hotel zurück gezogen hatten, für die Betroffene ein Stück Psychotherapie darstellt. </P><P>Trotzdem bleiben Fragen. Was hat diese Tochter wohl dazu bewogen, die Öffentlichkeit zu suchen? Warum trägt sie, obwohl in zweiter Ehe verheiratet, noch immer den Namen Göth? Ist mit der Veröffentlichung der Lebensproblematik dieser reichlich naiv erscheinenden Frau nicht gleichzeitig auch eine unzulässige Dämonisierung Amon Göths verbunden sowie eine Reinwaschung der Mutter? Werden hier nicht Stolz und Schande sträflich miteinander verwischt?<BR><BR>Dennoch muss man als Leser zugeben: Dieses Gesprächs-Protokoll ist auch ein anrührendes Dokument über den lebenslangen Versuch einer Frau, Wahrheit zu erhalten. Ein vergebliches Bemühen, denn Monika Göth wurde von Großmutter und Mutter stets im Unklaren gelassen über die tatsächliche Rolle des Vaters.</P><P> Massenmörder Amon Göth, der 1946 vom Obersten Nationalen Gerichtshof Polens hingerichtet wurde, erfährt durch Mutter und Großmutter eine verlogene Verklärung, er wird zum Helden stilisiert. Monikas Mutter Ruth Irene Kalder, die mit der Bestie von Plaszow nicht verheiratet war, nimmt sogar noch 1948 den Namen Göth an und belastet damit nicht nur sich, sondern auch fürs ganze Leben ihr Kind.<BR><BR>Monika Göth wird nur nach und nach mit dem wahren Bild des Vaters konfrontiert. Zum Beispiel als ein britisches Fernsehteam im Zusammenhang mit dem Erscheinen des Romans "Schindlers Liste" die Mutter interviewt und diese sich danach das Leben nimmt. Oder als sie in einem Schwabinger Lokal Manfred kennen lernt, der Häftling in Plaszow war. Sie erspart sich auch nicht den Besuch des Films "Schindlers Liste". Es wurde ein schwerer Prozess, sich gefühlsmäßig von dem Vater, der ihr das Leben versaut hat, zu distanzieren. Ganz scheint es ihr und ihrer Familie nicht gelungen zu sein. Monika Göths Enkel trägt den Vornamen Amon.<BR><BR>Matthias Kessler: "Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?" - Die Lebensgeschichte von Monika Göth. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main. 252 Seiten, 19, 90 Euro.<BR><BR><BR clear=all></P>

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