Wie kommt die Firma unter den Rhein?

- Ja, er habe zu den Münchner Theatern ein bisschen den Kontakt verloren. "Schade ist's schon", sagt der Dramatiker Tankred Dorst. So kommt es, dass derzeit keine einzige Münchner Bühne ein Stück von ihm anbietet. Anlass dazu gäbe es allerdings: Am Montag, 19. Dezember, wird Dorst, der international renommierte und hoch geehrte Schriftsteller, 80 Jahre alt.

Als Skandal ließe sich das offenbar mangelnde Interesse hiesiger Intendanten bezeichnen, würde nicht Dorst selbst, der Vielbeschäftigte, das alles ganz locker sehen: "Dieses Fass machen wir vielleicht lieber nicht auf. Außerdem ist es in der Stadt, in der man wohnt, gar nicht so gut, gespielt zu werden." Und er gibt sich bescheiden mit der Feier zufrieden, die ihm am Montag die Bayerische Akademie der Schönen Künste bereitet.

Dabei waren Dorst-Stücke in München schon so glänzend zu sehen. Legendär sein "Merlin oder Das wüste Land" an den Kammerspielen, von Dieter Dorn inszeniert mit dem unvergessenen Peter Lühr in der Titelrolle. Und der dramatisierte Weltmythos begann seinen bis heute ungebrochenen Siegeszug über die Bühnen der Welt.

Jetzt beschäftigt sich Tankred Dorst mit einem anderen Weltmythos. Er steckt mitten in der Arbeit zu Richard Wagners Tetralogie "Der Ring des Nibelungen", den er für die Bayreuther Festspiele 2006 inszeniert. Dieses Regie-Angebot von Wolfgang Wagner hatte nicht nur Dorst selbst, sondern auch die Öffentlichkeit überrascht. Einerseits der Kulturelle Ehrenpreis der Stadt München für den Achtzigjährigen; andererseits, als sei er noch ein ganz Junger, das Opernregie-Debüt in Bayreuth. Ein Widerspruch?

Dorst: "Das Alter spielt im Moment für mich keine Rolle. Ich hatte nie ein richtiges Verhältnis zum Alter. Als ich 30 war, dachte ich, ich sei alt. Ich sehe heut' die Welt nicht viel anders als früher. In der Oberschule mussten wir die Parabel eines Geschosses berechnen. Und ich dachte, wenn ich das nicht kann - und ich konnte es nicht -, bestehe ich mein Leben nicht. Was man für wichtig hält, ändert sich mit der Zeit. Man muss es gelassen sehen. Eigentlich ist das ganze Leben doch eine Niederlage. Jedenfalls endet es mit einer. Und wenn man das einmal erkennt, kann man zum Täglichen übergehen. Die Diskrepanz zwischen dem, was man von sich erwartet, und dem, was man ist - das ist das eigentliche Drama im Leben."

"Es ist an der Zeit, etwas Neues zu versuchen."

Tankred Dorst

Es sei ihm recht, sagt Tankred Dorst, dass er momentan mehr als "Ring"-Regisseur denn als Autor im Gespräch ist. "Für mich kam diese neue Aufgabe völlig überraschend. Wegen ,Merlin’ sind die Wagners wohl auf mich gekommen." Natürlich habe er zunächst gezögert zuzusagen: "Das ist doch etwas ganz Neues für mich, aber etwas Faszinierendes. So ein großes, vielschichtiges Werk - ob ich dem wirklich gewachsen bin?"

Mittlerweile steckt Dorst, der vor allem den Chéreau-"Ring" bestens kennt, tief drin in diesem Werk. Vertraglich ist er zum Schweigen verpflichtet. Doch ist es nicht verboten, laut zu denken.

"Es wird ja immer das Angebot gemacht, diesen ,Ring’ ins Heute zu stellen, in einen bestimmten politischen Raum, ihn zu aktualisieren. Dabei ist er doch der Versuch einer Weltdeutung." Als Tankred Dorst kürzlich in einer Befragung vor Studenten Loriot zitierte mit dem Satz, er wünsche sich einmal einen Wotan ohne Aktentasche, wurde ihm schnurstracks ein altmodischer Regieansatz attestiert. Dorst: "Die Götter sind nun mal die Götter. Ich möchte eigentlich nicht die kostümmäßigen Aktualisierungen.

Ich finde die Aktentasche nicht avantgardistisch; sie ist überholt. Es ist an der Zeit, etwas Neues zu versuchen. Wenn in einer Aufführung heute Wotan eine große Firma hat, ein Fabrikant ist oder ein Mann der Wallstreet, dann finde ich das nur verwirrend. Da fragt man sich doch eher: Wie kommt die Firma unter den Rhein?"

Er wolle nicht die Fantasie der Zuschauer einschränken, er wolle sie vielmehr wecken. Zum Beispiel dadurch, dass er die vier "Ring"-Abende in verschiedenen Zeitaltern spielen lässt. Denn: "Ich meine, wir befinden uns heute in verschiedenen Zeitaltern. Ein Türke in einem anatolischen Dorf lebt mit seinen Wertvorstellungen vielleicht noch im Mittelalter, ein anderer in Amerika oder sonstwo möglicherweise schon im 22. Jahrhundert.

Aus dieser Tatsache rühren meines Erachtens die Konflikte in unserer Welt: Wie sollen diese Menschen verstehen, dass sie einen Ehrenkodex aus einer jeweils anderen Zeit leben? Wir kennen diese Probleme doch schon in unserem kleinen Deutschland. Selbst 15 Jahre nach der Wiedervereinigung ist nicht zu übersehen, dass die Menschen aus Ost- und aus Westdeutschland eine andere Geschichte haben. Ich denke, insofern kann man beim ,Ring’ frei mit den Zeitaltern umgehen. Der ,Ring’ beginnt mit dem Anfang der Welt, dann kommt die Zeit der Götter, am Schluss sind wir eher in der Nähe unserer Gegenwart."

Man holt nicht ungestraft einen Dramatiker ans Regiepult. Noch dazu an diesen mythischen Ort. Könnte die Arbeit dort Quelle für ein neues Stück sein? Dorst: "Das ist eine intime Frage. Doch, ja, ich denke schon. Natürlich nicht so direkt. Ich werde nicht ein Stück über Bayreuth schreiben. Aber als Anregung für ein großes Drama ist das schon sehr ergiebig."

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