Es kommt auf jede Nuance an

- Während die Jungstars auftrumpfen, mit aberwitziger Virtuosität und Exzentrik ihr Publikum hypnotisieren, beschert Ivan Moravec seinen Zuhörern ein stilles Glück. Wenn der feine, alte Herr - wie jetzt wieder im Münchner Herkulessaal - zum Flügel geht und ihm die ersten verhaltenen Töne entlockt, wird es still im Saal, mucksmäuschenstill.

<P>Denn man weiß, jetzt kommt es auf jede Nuance an. Bei Debussy ebenso wie bei Chopin, deren sanft schimmernde Klangwelten Moravec mit traumwandlerischer Leichtigkeit herbeizaubert. Faszinierend, wie seine Finger über die Tastatur "kriechen", behände oder auch in spannungsdichter Langsamkeit, wie er die Melodieführung herausschält und die Harmonien vielfach abschattiert. Staunenswert, mit welch subtiler Anschlagskultur der in den USA lebende Prager Pianist geradezu pointillistische Farbtupfer setzt. In den dezent humorigen Szenen der "Children's Corner", deren Schlichtheit genau diesen Meister braucht - der "entmaterialisierte" Schneeflockentanz (Nr. 4) bewies es.</P><P>Doch Moravec verzaubert nicht nur mit impressionistischer Klangsensibilität, er bewahrt die kostbaren, kleinen Gebilde auch vor dem Zerfließen, gibt ihnen Kontur und Zusammenhalt, hält die Binnenspannung. Auch in den vier Nocturnes von Chopin, deren drittes, Des-Dur op. 27 Nr. 2, in seinem zarten Melos, seiner Klarheit, mit dezenten Rubati versehen, zu reiner Schönheit gedieh. </P><P>Natürlich kann auch Moravec mit glitzernder Geläufigkeit aufwarten, absolviert er die Toccata aus Debussys Suite "Pour le Piano" wie ein perpetuum mobile, schafft er es, Chopins c-Moll-Nocturne op. 48 Nr. 1 lustvoll wuchern zu lassen und doch klar zu strukturieren. Auch in der g-Moll-Ballade op. 23 bleibt die virtuose Behändigkeit Mittel zum Klang. Das alles lässt sich virtuoser, brillanter - oberflächlicher - spielen, aber nicht musikalischer hören.<BR><BR></P>

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