Schimpfen und Schmunzeln: Thomas Bernhard (1931 bis 1989), hier in Ottnang, wo er im Februar 1978 von Isolde Ohlbaum fotografiert wurde.

Komödiant und Untergeher

München - Der österreichische Dramatiker und Erzähler Thomas Bernhard wäre heute 80 Jahre alt geworden

Von Andreas Puff-Trojan

„Drei Tage Wien und ich halte es nicht mehr aus, drei Tage Nathal und ich halte es nicht mehr aus. (…) Wie neunzig Prozent aller Menschen will ich im Grunde immer da sein, wo ich nicht bin, da, woraus ich gerade geflohen bin.“ Diese Sätze aus Thomas Bernhards Prosastück „Wittgensteins Neffe“ treffen wesensgemäß auf den Autor zu. Klassisch geworden sind Bernhards Hass- und Schimpftiraden über den auf dem österreichischen Land herrschenden Schwachsinn und den in der Donau-Metropole regierenden Stumpfsinn. Doch auch Städte außerhalb der Alpenrepublik ließ Bernhard nicht ungeschoren. Augsburg nennt er das „muffige verabscheuungswürdige Nest“, zu beherzigen gilt: „Man geht nicht ungestraft nach Trier/ man geht nach Trier und macht sich lächerlich.“ München kommt vergleichsweise glimpflich weg. Vielleicht weil Bernhard seinen ersten Text, das Gedicht „Mein Weltenstück“, im April 1952 im Münchner Merkur publizieren konnte. Am härtesten trifft es die Schweizer Stadt Chur: „Chur ist tatsächlich der trübsinnigste Ort, den ich jemals gesehen habe, nicht einmal Salzburg ist so trübsinnig und letztenendes krankmachend wie Chur. In Chur kann ein Mensch, auch wenn er nur eine einzige Nacht bleibt, für sein Leben ruiniert werden.“

Anders als österreichische Politiker, die Bernhard schon mal einen längeren Aufenthalt in der Psychiatrie nahelegten, haben die Bürger von Chur reagiert. Es heißt, dass man abends in den Churer Weinstuben den Roman „Der Untergeher“ zur Hand nimmt und die Schimpfpassagen laut vorliest. Dann prostet man sich zu und: lacht! Diese Reaktion könnte ganz im Sinne Bernhards sein. Eine seiner Erzählungen trägt den Titel „Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?“, und in der Geschichte „Ungenach“ bemerkt Advokat Moro: „Wem es gelingt, auf dem Totenbett eine Komödie oder ein reines Lustspiel zu schreiben, dem ist alles gelungen.“ Der Tod, das ist die eine Seite. Bernhard erkrankte als Jugendlicher an Rippenfell- und Lungenentzündung, und dies so schwer, dass er die Sterbesakramente erhielt. Allein der eigene Wille, so Bernhard in seiner Autobiografie, hätte ihn am Leben erhalten. Die Lungenkrankheit sollte zum Lebensbegleiter werden. Der Autor wusste, dass ihm nicht allzu viel Lebenszeit zur Verfügung stand.

Die andere Seite, das ist das beständige Anrennen und Anschreiben gegen den Tod. Seine Ansprache zur Verleihung des österreichischen Staatspreises begann der Dichter mit den Worten: „Verehrter Herr Minister, verehrte Anwesende, (…) es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt.“ Daraufhin soll es im Festsaal zu einem Tumult gekommen sein. Man hat Thomas Bernhard als „literarisches Scheusal“, als „egozentrischen Provokateur“, als „Übertreibungskünstler“, als „Alpenkönig und Menschenfeind“ bezeichnet, und man kann annehmen, dass ihn diese Etikettierungen hoch erfreut haben. Denn da wusste der Autor, dass er da war, mitten im Literatur- und Medienbetrieb, Hauptakteur in dem von ihm inszenierten Welttheater. Er war da und nicht tot. Und er konnte dabei dem Tod ins Gesicht lachen, weil so viele Menschen, die seine Bücher lasen und seine Stücke sahen, dachten, das alles sei bitterernst, reine Tragödie und Provokation! In einem noch existenzielleren Sinn als Kafka oder Camus hat Bernhard gegen den Tod geschrieben und gesprochen. Sieht man sich die Fernsehinterviews Bernhards an und schaltet dabei den Ton aus, dann bemerkt man, wie seine Lippen bei jeder Antwort ein Schmunzeln bilden. So als gelänge es noch der kleinsten Ironie, dem Tod einen Schritt voraus zu sein.

Thomas Bernhard hat nicht nur gegen den Tod angeschrieben, sondern ist ihm buchstäblich ent-gangen. Der passionierte Spaziergänger und Mercedes-Fahrer ist ein Dichter des Sprechens, der seine Texte im Gehen verfasste. Wiederholungen und Variationen von Worten und Gedanken, der immerwährende Sprachrhythmus zeichnen seine Prosa aus, das dichteste Textgewebe ist in dieser Hinsicht wohl das Buch „Gehen“. Im Gehen und Reisen werden daher auch alle Städte und Länder in Bernhards Büchern mit Spott markiert, damit die Lächerlichkeit allen Tuns angesichts des Todes überall den Geist wach hält. Nur nicht stehen bleiben - „im Grunde immer da sein, wo ich nicht bin, da, woraus ich gerade geflohen bin“, lautet die Devise.

Stetig im Wandel ist auch Bernhards Existenz: Er ist das uneheliche Kind, das aus armen Verhältnissen stammt und zum berühmten Autor avanciert; er ist der Besitzer mehrerer Gehöfte im oberösterreichischen Ohlsdorf, der in Lederhose und Kärntnerhemd den Hof kehrt, mit Bauern feixt und schon mal einen unliebsamen Journalisten mit dem Jagdgewehr bedroht; er ist der Landadelige, der in Barcelona auf der Terrasse eines schicken Cafés sitzt und im maßgeschneiderten Anzug die vor ihm flanierenden Menschen gelassen beobachtet. Dies alles sind Gesten, die den Tod in der Schwebe halten sollen, den Tod, von dem gerade Bernhard wusste, dass er ihn bald einholen würde. Der Autor Bernhard und seine Helden, die gegen den Tod ansprechen, sind Komödianten, Figuren der Lächerlichkeit. Indem sie aber als Geistesmenschen gegen die Geistlosigkeit ihrer Zeit anrennen, ist zwar ihre Fallhöhe enorm, doch im Fallen erlangen sie etwas Heroisches.

Das heroische Aufbegehren gegen die Geistlosigkeit und gegen die Lüge hat Bernhards Prosa und Stücke bislang unsterblich gemacht. Niemand kann wissen, was der am 9. Februar 1931 im holländischen Heerlen geborene Dichter noch geschrieben hätte, wäre er nicht mit 58 Jahren verstorben. Möglicherweise hatte Bernhard Komödien im Sinn. Allerdings mit dem klaren Bewusstsein, dass sich das „reine Lustspiel“ aus der existenziellen Not des Lächerlichen speist.

Bernhard-Abend

„Geisteskälte - Geistesschärfe“, Thomas Bernhard zum 80. Geburtstag mit Andreas Puff-Trojan, Caveau, Bauerstraße 36/ Eingang Tengstraße, 11. 2., 20 Uhr.

Bayerisches Staatsschauspiel: „Ritter Dene Voss“, „Am Ziel“; Tel. 089/ 21 85 19 40.

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