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Subtiles auf Messers Schneide: Karlheinz Lemken als Inspektor und Julia Dahmen als geldgierige Lilian. foto: eckhart matthäus

"Das Verhör"

Komödie im Bayerischen Hof: Nichts als die Lüge

München - Die Komödie im Bayerischen Hof zeigt „Das Verhör“ als psycho-kriminalistisches Kammerspiel. 

Wer die Berichterstattung über die NSU-Morde verfolgt hat, weiß, welcher ungeheure Druck bei der Ermittlung auf die Angehörigen der Opfer ausgeübt wurde. Genau diesen fatalen Prozess suggestiver Befragung machte der britische Autor William Wainwright aus seiner eigenen Erfahrung – er war zwanzig Jahre Polizist – 1979 in seinem Roman „Brainwash“ (Gehirnwäsche) zum Thema. 1981 dann die erfolgreiche Filmversion „Garde à vue“ (Untersuchungshaft) mit Lino Ventura, Michel Serrault und Romy Schneider. Unter dem deutschen Filmtitel „Das Verhör“ ist jetzt Eddie Cornwells Bühnenfassung von 2011 in der Münchner Komödie im Bayerischen Hof zu verfolgen.

Anwalt Adam Barklay (Rudi Knauss) hat auf einem Waldspaziergang die Leiche eines Mädchens aus der Nachbarschaft gefunden. Die Vorladung aufs Polizeirevier zwecks Detailinformationen entwickelt sich bei Chief Inspector Parker (Karlheinz Lemken) von der freundlich akribischen – man kennt und duzt sich – zur knallharten Vernehmung: Es gibt eine zweite Mädchenleiche, das Opfer ebenfalls vergewaltigt und erwürgt. Und Barklay wurde in der Nähe des Tatorts gesichtet. Außerdem widersprechen sich seine Aussagen.

Was man nun in dieser staubfreien Amtsstube zu erwarten hat, ist kein Thriller, sondern ein psycho-kriminalistisches Kammerspiel – in seiner Innenspannung nicht so sehr abhängig vom Regisseur, in diesem Falle Michael Wedekind, sondern vom gerade hier geforderten subtil variierten Spiel, von einer auf Messers Schneide tanzenden Sprache. Denn das Duell zwischen dem hartnäckigem Spurensucher Parker – assistiert vom bulligen Sergeanten Hastings (Giovanni Arvaneh) – und dem seine Unschuld beteuernden Barklay, zieht sich, auch vom Zuschauer so gefühlt, bis tief in die Nacht. Der eine, mal in der Attitüde des verständnisvollen Bekannten, mal als genervt-handgreiflicher Ermittler, will endlich ein Geständnis, der andere verteidigt sich zu Recht als Opfer polizeilichen Ehrgeizes. Diese langwierige Stop-and-go-Vernehmung, die hier fast zu realistisch, zu normal abläuft, wird dann doch etwas angeschoben: Lilian (Julia Dahmen), Ehefrau aus Geldgier und Berechnung, beschuldigt ihren Mann mittels fotografischem Beweismaterial als Spanner und des zweifachen Mordes. Er selbst gesteht nach und nach die Frustration in seiner Ehe, seine Ersatzausflüge zu jungen Prostituierten und seine Scham-Lügen. Dass Barklay sich schließlich, von Parker total zermürbt, das falsche Geständnis („Ja, beide vergewaltigt und... ermordet“) abpressen lässt, ist nicht nur sehr schwer überzeugend zu spielen, sondern für den Zuschauer auch kaum verständlich. Ist aber kriminologischer Alltag.

Wäre Parker keine fiktive Figur, würde man ihm die Lektüre empfehlen von Max Stellers heuer erschienenem Buch „Nichts als die Wahrheit. Warum jeder unschuldig verurteilt werden kann“. Sein Befund: Schuldig sind meist Tatverdächtige mit einem hieb- und stichfesten Lügengebäude und nicht die mit widersprüchlichen Angaben. Der Mörder wird übrigens im Stück noch ausgemacht.

Malve Gradinger

Info

Weitere Vorstellungen sind am bis 21. November (Telefon 089/ 29 16 16 33).

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