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Umzugsstress auch auf der Bühne: Natalie O’Hara und Pascal Breuer. 

Komödie im Bayerischen Hof: Jubel für „39 Stufen“

München - Schüsse in einem Londoner Varieté, eine geheimnisvolle schutzsuchende Spionin, die dem unfreiwilligen Zufluchtgeber Richard Hannay erdolcht in die Arme sinkt - endlich kommt wieder Spannung ins Leben des gelangweilten Junggesellen.

Jetzt ist die Polizei hinter ihm her und der Spionagering „The Thirty Nine Steps“, wie John Buchan 1915 seinen Agenten-Roman titelte. Hitchcock nahm ihn 1935 als Vorlage für seinen gleichnamigen erfolgreichen Comedy-Thriller. Und der erlebte als Bühnenfassung von Autor Patrick Barlow 2006 im Londoner West End ein regelrechtes Comeback. Auch die deutschen Theater zwischen Aachen, Stuttgart und Ulm sind zurzeit ganz heiß auf „Die 39 Stufen“. In der Münchner Komödie im Bayerischen Hof gab’s gerade minutenlangen Schlussjubel.

Richard Hannay, des Mordes verdächtigt, flieht in die schottischen Highlands. Mit Hinweisen der erdolchten Geheimdienstlerin will er die wahren Schuldigen finden: den Agentenring der „39 Stufen“, der die die englische Luftabwehr ausspionieret. Die Story ist lediglich Vorwand für rasantes Action-Kino. Wie aber das auf der Bühne? Wenn vier Darsteller 35 (!) Rollen stemmen, kommt schon Bewegung und Tempo in die Sache. René Toussaint und Charles Ripley sind im Zehntelsekundentakt - nur durch blitzschnellen Hutwechsel - Wäsche-Vertreter, Polizisten und Zeitungsverkäufer. Chaplin hätte da auch gekichert.

Und dann kombiniert Regisseur Horst Johanning traditionellen Klipp-Klapp-Boulevard mit den Mitteln des armen Theaters, von der Spielzeugeisenbahn und Mini-Fallschirmen bis zum Gangster-Auto aus vier Stühlen und einem Rednerpult. Illusion ist alles. Ein Brett über zwei Leitern, und fertig ist die „Forth Bridge“, von der Held Hannay sich in die Tiefe fallen lässt. Und auf seiner Flucht mit der schönen Blondine Pamela geben Toussaint und Ripley auch Felsspalten und Dornenstrauch. Ansonsten finstert, tänzelt und albert dieses Allrounder-Duo diverse Bösewichte in die schnell wechselnde Szenerie (Bühne: Marc Löhrer), abgefahrene Gattinnen à la Charleys Tante und das Gedächtnis-Genie Mr. Memory, in dessen Kopf das Spionage-Geheimnis gespeichert ist.

Natalie O’Hara ist in verschiedenen Perücken verführerisch coole Spionin, verhuschtes Bauern-Eheweib und kratzbürstig-zarte Pamela, die am Ende ihren Hannay einfängt. Pascal Breuer garantiert als Hannay den Brit-Helden und -Womanizer zwischen unverblümter Annäherung und pragmatischem Selbsterhaltungstrieb, vor allem aber den Kraftakt von darstellerisch-physischem Dauereinsatz. Denn Johanning powert mit Akrobatik, Slow-Motion-Keilerei, Pantomime, Schattenspielen (mit Hitchcock-Profil!), musikalisch schmachtig umsäuselten Romanze-Szenen und immer mal wieder Illusionsbrechung. Die ein oder andere Episode hängt durch. Kürzung hätte dem Abend gut getan. Aber was das Quartett an Komik, Persiflage-Charme, Timing und choreographischer Wendigkeit hier aufbietet, ist den Besuch wert.

Von Malve Gradinger

Bis 30. Oktober, Karten: 089/26 16 16 33.

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