Die Komödie geht verloren

- Das Gute zuerst: Die Salzburger Festspiele haben das Tschechow-Jahr, den 100. Todestag des Dichters, genutzt, seine Komödie "Die Möwe" in einer Neuinszenierung vorzustellen. Jung, ein bisschen gegen den Strich gebürstet, kritisch, kühl und - das ist das weniger Gute - ziemlich angestrengt.

<P>Bei seinem Bemühen, Kostjas Zorn gegen das alte Theater seiner Mutter zum Manifest der heutigen jungen Generation zu machen, geht Regisseur Falk Richter die Komödie verloren. Denn das ist klar: Wenn er Partei nimmt für eine Person, haben die Zuschauer nichts zu lachen. Des Dramatikers Genie aber liegt darin, dass seine Figuren gleichermaßen Recht haben und dass sie objektiv komisch sind, weil sie ihr persönliches Misslingen, ihr Liebes- und Lebensunglück sich egoistisch mit einem Hauch Tragik versüßen.</P><P>Viel Musik und Stimmung</P><P>Im Salzburger Landestheater wird das Stück flott und ohne Pause durchgespielt. Einheitliches Bühnenbild für alle Szenen: ein schöner, freier Raum, im Hintergrund eine Art Laubengang aus Glas und Holz, innen und obenauf begehbar. An der Bühnenrückwand eine Videoprojektion: mal ziehende Wolken, mal wilde Mondlandschaft, mal der See, an dem das Ganze bei Tschechow angesiedelt ist. Dazu viel Musik: Stimmung und Illustrierung.</P><P>Natürlich sind das keine Menschen aus der Tschechow-Zeit, die hier auftreten, sondern sehr heutige. Und wenn zu Beginn Konstantin, der junge Dichter, wütend neue Formen für die Kunst einfordert und Nina seinen Text mit einiger gestischer Exaltiertheit auf die Bretter schmettert, dann ist damit gewiss auch ein bisschen Metier-Satire gemeint. Dass Richter aber gerade für diese Eingangsszene Tschechows genialen, gültigen, knappen Text durch eigenes Plattheiten-Geschwätz ersetzt, ist nicht sonderlich intelligent. Wo es bei Tschechow heißt: ". . . wenn sie mir immer dasselbe vorsetzen, immer dasselbe, immer dasselbe, - dann fliehe ich und fliehe ich . . .", lässt er seinen Kostja räsonieren: Immer die gleichen idiotischen Stücke, Nora, Nathan, das müsse alles weg, "da muss ich kotzen". Und so weiter. Nun tritt Nina im weißen Gewand auf, geht ans Mikrofon, rezitiert den vom Regisseur umgeschriebenen Tschechow-Text und ruft - original Richter - dem Publikum im Stück wie auch dem realen im Parkett zu: "Gott leidet, wenn er euch sieht." Und: "Wer hat euch gebeten, herzukommen?" Dann wälzt sie sich auf dem Boden, schüttet sich schließlich einen Eimer Wasser über den Kopf, was im Verlauf der Inszenierung von anderen Figuren mehrfach wiederholt wird, und es folgt die metaphysische Bedrohung durch des Teufels rot leuchtende Augen.</P><P>Menschen als Thesenträger</P><P>Viel zu viel Meinung legt hier der 35-jährige Regisseur in diese Szene, die ihm dadurch zum Pamphlet gerät. Und das hat Folgen für die gesamte Inszenierung. Tschechows Menschen werden zu Thesenträgern. Das macht sie, wenn auch nicht unattraktiv, so doch aber eindimensional. Ja, uninteressant. Darum müssen alle vier Akte schnell und übergangslos gespielt werden, damit die Zuschauer möglichst nicht merken, dass hinter den mehr oder weniger glänzenden Fassaden der Figuren nichts zu entdecken ist.</P><P>Beispielhaft dafür ist die Arkadina der Sylvana Krappatsch. Mit berlinischem Witz und Furor gibt sie die kalte Diva. Führt mit großer Allüre vor, wie sie Theater spielt, wie sie Erfolg hat, wie sie Gefühle manipuliert. Alles sehr gekonnt. Alles sehr direkt zum Publikum, das sie unverhohlen auf ihre Seite zu ziehen versucht. Aber es fehlt ihr an Menschlichkeit, an diesem Sowohl-als-auch. Sylvana Krappatsch denunziert ihre Figur und liefert sie, freilich sehr gekonnt, der Parodie aus. Denunziert werden die Menschen in dieser Inszenierung irgendwie alle. Auch Kostja, der bei Mark Waschke zwar nicht unglaubwürdig ist, dem es aber an Leidenschaft und Absolutheit fehlt. Ebenso der Trigorin, den André´ Jung nur als einen liebenswerten, alten Trottel spielt, der sich von der berechnenden, eiskalten Nina der Yvon Jansen kapern lässt.</P><P>Insgesamt eine unsympathische Gesellschaft. Anders als bei Tschechow, wo sie sich am Ende über alle Probleme mit Rotwein, Bier und gemischten Karten hinwegspielt und selbst den Tod überhört, schleicht sie sich in Salzburg lüstern auf die Szene. Sie nimmt ihre Plätze ein wie im ersten Bild, um zuzusehen, wie sich Kostja eine Kugel durch den Kopf jagt - just an der Stelle, wo Nina anfangs ihren Monolog beginnt. Die Reality-Show hat das Theater erreicht. Ein Schluss wie mit dem Holzhammer. Viel zu viel Moral. Tschechow von Anfängern für Anfänger. Mag das für die koproduzierenden Berliner Schaubühne und das Zürcher Schauspielhaus auch genügen, für die Salzburger Festspiele ist das zu wenig.</P>Bis 5. August, jeweils 19 Uhr. Tel. 0043/ 662/ 80 45 500.<P>Die Handlung<BR>Die Schauspielerin Arkadina verbringt mit ihrem Geliebten, dem Erfolgsschriftsteller Trigorin, den Sommer auf ihrem Landgut. Sohn Konstantin, genannt Kostja, hat ein Stück geschrieben, Freundin Nina führt es im Garten auf. Mutter Arkadina lacht über das symbolistische Zeug. Nina verliebt sich in Trigorin, woraufhin Kostja eifersüchtig ihr eine tote Möwe vor die Füße wirft. Trigorin seinerseits kann sich nicht entscheiden zwischen beiden Frauen und liebt jede. Am Ende ist Nina auch Schauspielerin geworden, aber eine erfolglose; Kostja ein Schriftsteller, aber glücklos; die "Alten" jedoch betreiben ihre Kunst wie immer. Da weiß Kostja nichts Besseres, als sich zu erschießen.</P><P>Die Besetzung<BR>Regie: Falk Richter. Bühne: Katrin Hoffmann. Kostüme: Martin Kroemer. Musik: Paul Lemp. Video: Martin Rottenkolber.<BR>Darsteller: Sylvana Krappatsch (Arkadina), Mark Waschke (Konstantin), Peter Brombacher (Sorin), Yvon Jansen (Nina), Thomas Bading (Schamrajew), Karin Neuhäuser (Polina), Jule Böwe (Mascha), André´ Jung (Trigorin), Sylvester Groth (Dorn), Thomas Wodianka (Medwedenko).<BR><BR></P><P><BR></P>

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