Komödie und Weltgericht

- "Hollywoods Geschichten sind mir lieber als ,Kunstfilme." Unter den vielen Vorurteilen, die nach wie vor über Rainer Werner Fassbinder grassieren, ist dieses das dümmste: dass er für eine Kunst steht, die das Publikum verachtete und an ihm vorbei geschaffen wurde. Das Gegenteil war der Fall. Fassbinder, geboren vor 60 Jahren, am 31. Mai 1945 in Bad Wörishofen, schätzte seine Zuschauer so sehr, dass er ihnen nichts vorsetzte, das irgendwie verfälscht und gekünstelt war, dass er sie unterhalten wollte - allerdings nicht unter Niveau.

<P>"Schön spannend erzählen", so sein Credo, "ohne viel Klimbim". Der einzige Vorwurf, den man ihm machen könnte: dass er sein Publikum überschätzt hat.<BR><BR>Aufgewachsen in der Not der Nachkriegsjahre, in schwierigen Verhältnissen. Die Eltern ließen sich scheiden, als er sechs war. Nach der Tuberkuloseerkrankung der Mutter musste er aufs Internat; auch später waren beide immer wieder getrennt. Dennoch versuchte er, den Wunsch zu verwirklichen, den er angeblich schon mit zwölf Jahren gefasst hatte: "Ich wusste, ich werd' Filme machen. Weil das das Einzige war, was mich wirklich interessiert hat." Die Berliner Filmhochschule lehnte ihn ab. Sein erster Film wurde bei den Kurzfilmtagen von Oberhausen zurückgewiesen. So begann er in München als Schauspieler. Bekannt wurde er, erst Anfang 20, Ende der 60er als Regisseur im "antitheater", wo seine ersten Stücke aufgeführt wurden. Hier lernte er die Menschen kennen, die zu seiner Crew wurden und ihn sein Leben lang begleiteten: Ingrid Caven, Hanna Schygulla, Irm Hermann, Peer Raben, Uli Lommel, Kurt Raab.<BR><BR>Mit ihnen begann er, auch Filme zu drehen. Schon das Debüt "Liebe ist kälter als der Tod" (1969) wurde zum Erfolg. Die sagenhafte Zahl von 43 Filmen hat er in nur 16 Jahren gedreht. Doch nicht oberflächlich produziert waren sie, sondern voller Selbstvertrauen und ohne mehr zu tun, als nötig war. Viele von ihnen sind Meisterwerke, einige gehören zum Besten, was es je gab im nicht gerade künstlerisch reich bestückten deutschen Film. "Nur wer Leier spielt, lernt Leier spielen", begründete Fassbinder seinen Mut, Filme ohne technisches Vorwissen einfach zu drehen, finanzielle Engpässe durch schnelles Drehen und persönliche Opferbereitschaft zu überbrücken. Seine Formsprache brachte er sich selbst allmählich bei. <BR><BR>Noch immer "im besten Alter" wäre Fassbinder heute mit gerade einmal 60. Und es wäre hochinteressant zu wissen, was für Filme er machen, wie er Spektakel und Spaßgesellschaft der Gegenwart kommentieren - und gewiss bekämpfen - würde. Wie gern würde man seine Kommentare zu Krise und Arbeitslosigkeit, zu Rechtsextremismus und Fremdenangst hören. Er fehlt uns nach wie vor, denn einen adäquaten Nachfolger in der filmischen und geistigen Öffentlichkeit hat Fassbinder auch 23 Jahre nach dem schockierend frühen Tod am 10. Juni 1982 nicht.<BR><BR>Erzählen ohne viel Klimbim</P><P>Bis zu diesem Tag war er Anreger und Motor, vor allem Repräsentant des Neuen Deutschen Films. Der Anspruch Fassbinders ist gewaltig. Aufklärung und Unterhaltung, Ethik und Kunst, Kino und Leben sollen zu ihrem Recht kommen - es ging um alles. Viele seiner Filme werden bleiben: das Ehedrama "Martha" (1974), die Literaturverfilmungen "Effi Briest" (1974) und "Berlin Alexanderplatz" (1980), die Sozialporträts "Deutschland im Herbst" (1978) und "Lola" (1981) gehören zu den wichtigsten. In keinem Film bündelt sich sein Gesamtwerk so wie in "Die Ehe der Maria Braun". Eine hochemotionale Geschichte, ein Mittelschichts-Melodram, das immer die Gefühle der Zuschauer im Auge hat, sie nicht denen ihrer Figuren opfert. Zugleich der Anspruch, eine Gesellschaftsgeschichte in Bildern zu erzählen; von der Macht, von Bürgertum und Kapitalismus nie zu schweigen, wenn sie es sind, worum es tatsächlich gehen muss. <BR><BR>Bei alldem sind seine Filme auch herrliche Komödien, über den Wahnsinn des Spießertums. Darum ist Fassbinder weit mehr als nur ein Moralist, ist sein Kino nicht nur Weltgericht, sondern auch Traumfabrik, ist es dogmatisch gerade in seinem Anspruch, nichts auszulassen, das menschlich ist, sondern es mit liebendem Blick, aber in seiner Mechanik zu zeigen. Kino also, wie es anspruchsvoller nicht sein kann: als überzeugtes Festhalten daran, dass letztlich alles möglich ist. Und als solches auch Utopie für einen deutschen Gegenwartsfilm, der so anspruchslos ist, dass er noch nicht einmal weiß, dass er sich - bis auf wenige Ausnahmen - am Boden befindet.</P>

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