Kompaktes und schillerndes Lebewesen

- Im Herbst 2002 legten die Bauleute an der Dingolfinger Straße los. Jetzt im Juli 2005 ziehen die Angestellten ein in das Telekom-Zentrum. Keine Katastrophen gab es zu vermelden; gewerkelt wurde nicht nur mit beachtlichem Tempo, sondern auch auf qualitativ hohem Niveau, wie die dies alles betreuende Sireo erleichtert feststellt.

Das erfreut die Mieter (95 Prozent Telekom). Was aber die Münchner erfreut, ist ein Bauensemble aus elf Körpern, das der Pampa hinter den Gleisen zwischen Ostbahnhof und Leuchtenbergring ein spannendes urbanes Gesicht gibt, die Kosten: rund 200 Millionen Euro. Das Büro Kiessler + Partner hatte den Wettbewerb gewonnen und entwickelte für das rund 27 000 Quadratmeter große Gelände Gebäude, die die Quadratur des Kreises schaffen. Einerseits weisen sie sehr effizient viel Büro- und wenig anderweitige Fläche auf, andererseits ist das Grundstück fast zur Gänze ein Park. Den die Telekom jedermann zugänglich macht.Die Münchner Architekten planten jedoch kein schwebendes Fantasieschloss, sondern zehn hochkant gestellte Quader - keine massiven Riegel, Endlosfassaden, Blöcke. Zwischen allen Teilen kann man hindurchspazieren. Die Häuser sind zu Paaren zusammengerückt und, so hat es den Anschein, stoßen an einer Ecke zusammen. Das jeweilige Kopplungsteil mit Treppenhaus und Panoramalift verspielt sich gewissermaßen. Rhythmisiert ist der 200 Meter lange Zehnteiler in drei und zwei Duos. Dazwischen markiert eine weitere Distanz den Haupteingangsbereich mit (sogar extern vermietbaren) technisch perfekt ausgestatteten Konferenzräumen. Zur Straße hin eher kühl mit einer silbrigen Wand, innen ein bescheidenes Foyer. Der Clou ist, dass es sich in einen weiten, tiefer gelegten Lichthof (mit schrägem Riesen-Glasdach) öffnet, der die begrünte Kantine aufnehmen wird. Optisch und praktisch zusammengebunden sind die 15-geschossigen Baukörper durch Stege und Brücken. Was TU-Professor Uwe Kiessler als "Schaschlik" bezeichnet, was man ebenso als zierliches Rückgrat eines merkwürdigen Lebewesens sehen kann. Dieser Längsachse, die parallel liegt zu den Bahngleisen, folgen ein unterirdischer Gang und die Tiefgarage. Dieses Lebewesen ist erstaunlich "schillernd". Bisweilen nüchtern, ja spröde. Es drängt sich nicht vor, macht sich stadtgestalterisch nicht wichtig. Zugleich, je nach Standpunkt und Bewegung des Betrachter, verschiebt es seine Glieder, die verschwinden und wieder auftauchen. Einmal zeigt es sich locker, durchlässig, dann wieder kompakt, flächig. Überraschen können darüber hinaus scheinbar skurrile Details. Sie sind nie Zierrat, sondern aus dem Zweck geboren. Da gibt es etwa glänzende "Schlote", die aus dem Boden herauswachsen, an der Wand bis zum Dach klettern - und Abluft freigeben. Das sind kleine Akzente. Zu einem starken architektonischen Element wurden jedoch die die Feuertreppen, auf der einen Seite gebaucht, auf der anderen eckig. Rhythmus auch hier: Zickzack nach oben, Rundung und Kante am jeweiligen Gebäudekörper. In der Gesamtsicht betont das die serielle Anlage des Ensembles. Es ist - zu dunkel - in Antrazit gehalten; heller nur die Jalousien und die waagrechte Wellblech-Wandverkleidung. Zusammen wird das zu einer lebendigen Riffelung. Wellblech einmal nicht als Sinnbild schäbiger Trostlosigkeit.Erstaunlich sind gleichfalls die "braven" Quader (oben hat man einen herrlichen Rundumblick), die keinen Büromieter flippig abschrecken. Von außen zeigen sie sich mit ihrer Verglasung so heutig, wie sich's Investoren wohl wünschen. Innen sind sie so traditionell, wie sich's die dort Arbeitenden wünschen. Denn da entdeckt man plötzlich das viele, durch die Fassade trickreich verschleierte Mauerwerk. Es sorgt mit den Kastenfenstern für gutes Raumklima. Wie überhaupt der ganze Komplex auf natürliche Belüftung setzt, aber überall Platz und Zugangsschächte hat, um je nach Wunsch Klimaanlagen und dergleichen nachzurüsten. Insofern darf Kiessler zu Recht sagen: "Wir haben einen Bürohaustypus der neuesten Generation gebaut."Ein Örtlichkeit mit Aura

Und damit das Schillern zwischen "seriös" und "spritzig" nicht verschwindet, gibt es noch ein architektonisches i-Tüpferl, den elften Baukörper. Auf einem Rest des Grundstücks, der nicht in die Längsachse passt, ist ein pfiffiger Rundbau zu entdecken. Ein satt auf dem Boden ruhender, sechsgeschossiger "Trichter", der sich nach unten verjüngt (und noch zu mieten ist).Er hat einen lauschigen Innenhof (Gartenarchitekten Valentin und Valentin) mit raffinierten optischen Effekten durch die gebogene und gekippte Fassade sowie mit einer großen Glaskuppel im Erdreich. Sie belichtet eine gewaltige Halle. Kein Keller also, sondern eine Örtlichkeit mit Aura. Man denkt an einen Fitness-Club, aber dort wäre ein Theater wirklich toll . . .

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