Komplizierte Heimat

- "Seine Seele sei eingebunden im Bündel des Lebens" ­ dieser Satz in hebräischen Lettern aus Stein gemeißelt hat die Jahrhunderte seit dem Mittelalter überdauert. Nur um diesen Segenswunsch herum hat sich das Material des Grabmals erhalten, als habe das Wort tatsächlich einen Hauch Ewigkeit erzeugt.

Dieses Zeugnis der jüdischen Gemeinde in der mittelalterlichen Reichsstadt ist ab Dienstag im neu konzipierten Jüdischen Kulturmuseum Augsburg Schwaben zu sehen.

1985 war es das erste selbstständige Museum dieser Art. Nachdem die phänomenal schöne Synagoge von Fritz Landauer (vollendet 1917) restauriert worden war, sollte sie quasi als Museums-Juwel allen zugänglich werden. Ergänzt wurde der Prachtauftritt durch eine Präsentation von qualitätsvollen Ritual-Gegenständen. Nachdem aber der Wunsch stärker wurde, die Geschichte des Augsburger und schwäbischen Judentums zu erzählen, so die heutige Museumschefin Benigna Schönhagen, musste eine andere Schau entwickelt werden.

Wichtig sei dabei gewesen, das Jetzt miteinzubeziehen, denn die heutige Gemeinde zählt wieder 1500 Mitglieder. Rührig war man darüber hinaus nicht nur im Spendensammeln, sondern auch im Zusammentragen von Exponaten. Nicht mehr nur das religiöse Objekt sollte im Mittelpunkt stehen, sondern auch Kleinigkeiten des Alltags oder persönliche Erinnerungsstücke. Die nach der Nazizeit in aller Welt verstreuten Augsburger Juden und ihre Nachkommen steuerten vieles mit Begeisterung bei ­ bis hin zur alten Enzian-Flasche der Likörfabrik Binswanger, die aus den USA "anreiste".

Auf den minimalen 300 Quadratmetern des Museums (getragen von einer Stiftung) wird nun raffiniert verdichtet eine Historie des Immer-wieder-Neuanfangens dargelegt. "Heimat verlieren, Heimat finden" sei der Einstieg in ihr Konzept, erklärt Schönhagen. Daneben als zentrale Größe und deshalb an den Anfang der Exposition gestellt: die Tora, liebevoll geschmückt mit Krone, Schild und gehüllt in roten Samt. Die meisterlich gearbeiteten silbernen Tora-Schilder sind eine der Stärken des Museums.

Sie repräsentieren das schwäbische Landjudentum, das sich in der frühen Neuzeit bestens entwickelte. Bis zu 50 Prozent der Dörfler waren dieses Glaubens. Da bestaunt man also das Schild von Hürben und klappt die dazugehörige Infotafel auf. Ein Foto (1927) lässt einen Blick in die Synagoge zu; der Text berichtet von Aufstieg und Untergang der Gemeinde.

Ob nun Kapitel wie religiöses Leben ­ etwa jetzt jahreszeitlich aktuell das Lichterfest Chanukka ­, ob staatsbürgerliche Gleichstellung ­ in Bayern erst 1871 ­, ob Verleumdung oder Deportation, alles wird sowohl exemplarisch gedeutet als auch \x0f\x10im spezifisch Augsburgerischen/ Schwäbischen verankert. Etwa Josel von Rosheim in der Reformationszeit, der ein großartiger Fürsprecher der Juden war, Karl V. beeindruckte (Urkunden), aber auch von Hetzschriften (alte Drucke) begeifert wurde.

Nun gibt es in Augsburg zum dritten Mal eine jüdische Gemeinde: Daher endet die Ausstellung in einer fröhlich bunten Fotowand mit ihren Porträts ­\ "im Bündel des Lebens".

Ab 7.11., Di., Do., Fr. 9-16, Mi. 9-20 Uhr, So. 10-17 Uhr, Halderstr. 6-8 beim Bahnhof, Tel. 0821/ 51 36 58.

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