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Grandiose, bedrohte Landschaft: „Amazonas“, das aufwändigste Projekt der Biennale, befasst sich mit einem Indianer-Stamm, der beidseits des Flusses lebt.

Komponieren für die reine Natur

München - Keine Angst vor moderner Musik: Die Münchener Musiktheater-Biennale (27.4. bis 12.5.) ist das weltweit einzige Festival für neue Opern – und lockt dabei mit extrem günstigen Kartenpreisen.

Sie leben beidseits des großen Flusses. Und sind fast die Einzigen, die übriggeblieben sind: Die Yanomami pflegen seit Jahrtausenden ihre Kultur an der Grenze zwischen Venezuela und Brasilien. Eine bedrohte Kultur, vor allem durch die Urwaldausbeuter aus den Industrieländern. Und eine Kultur, für die das umfangreichste Projekt der diesjährigen Biennale Verständnis wecken will. Der Dreiteiler „Amazonas“ wird am 8. Mai in der Reithalle uraufgeführt: 210 Minuten, auf die sich ein großes Team seit Jahren vorbereitet hat, unter anderem mit einer Reise in den Urwald. Für die Biennale, die sich bisher auch in arg theoretisierende Experimente verstieg, ist „Amazonas“ ein ungewöhnlich „griffiges“ Vorhaben.

Klaus Schedl ist einer der Komponisten von „Amazonas“.

Klaus Schedl, in Stuttgart geboren und nun in München lebend, komponierte den ersten Teil. Und wer sich mit ihm unterhält, bekommt nicht den Eindruck, da entsteht eines jener typischen Goodwill-Öko-Pathos-Manifeste. „Mir geht es um eine grundsätzliche Kritik an unserer Lebenseinstellung“, sagt der 44-Jährige. „Das wird ganz schön laut, eben weil es wehtun soll.“ Unter anderem vier große Bassboxen werden den Besuchern die Umwelt-Problematik im Doppelsinn einhämmern. Schedl: „Ich empfinde hart als ästhetische Möglichkeit – und deshalb auch als schön.“

Mit den komponierenden, konzipierenden und schreibenden „Amazonas“-Kollegen hat Schedl die Yanomami besucht. Über „500 Quadratkilometer reinste Natur“ habe man gestaunt, Schamanen kennengelernt, auch manche für uns brutale Lebensgewohnheiten des Stammes mitbekommen. Und dabei erfahren, wie bedroht diese Enklave ist. Die grundsätzliche Thematik von „Amazonas“ beschäftigt Schedl schon länger – auch wenn er nicht konkret an einen Urwaldstamm gedacht hatte. „Die Wachstumsproblematik verfolgt mich. Dieses Immer-weiter, dieses Gieren nach dem Fortschritt. Dass das nicht sein muss, zeigt das Leben der Yanomami, wo man begreift: Man muss nicht immer weiter.“

Die drei Teile von „Amazonas“ sind aus verschiedenen Perspektiven geschrieben. „Tilt“ thematisiert den Blick der erobernden Europäer auf die südamerikanische Ur-Kultur, „A Queda do Céu“ ist aus Sicht der Yanomami konzipiert, die „Amazonas-Konferenz“ des dritten Teils befasst sich mit der Zukunft. Drei Teile, drei Blickwinkel, drei musikalisch-literarische Stile. Schedl, der „Tilt“ schrieb, sieht sich als Sammler. „Ich arbeite quasi mit kleinen Müllhaufen“, sagt er grinsend. Mit Laut-, Klang- und Geräuschfragmenten, die auf bis zu 50 Tonspuren gleichzeitig kombiniert werden. Immer wieder wird dieses Material gehört, kombiniert, aussortiert, bis das fertige Werk gleich einer „Auskratzung“ (Schedl) entsteht. „Ich will mich einfach der Wahrnehmung aussetzen. Und bin gerade deshalb nicht am konstruierenden Komponieren, an übermäßigen Strukturen interessiert. Vielleicht war das ja ein Irrweg der Moderne.“

Für Schedls „Amazonas“-Teil verspricht er unter anderem „hart-rauen Gesang“ im Stil von Heavy Metal. „Ich wollte einfach eine sehr direkte, unmissverständliche Klangsprache.“ Zugrunde liegt „Tilt“ ein Expeditionsbericht des Engländers Walter Raleigh (1552-1618). Er erkundete seinerzeit den Orinoko, kam in ein Gebiet in der Nähe der Yanomami und dachte, dies sei die Gegend, die von den Spaniern als „El Dorado“ bezeichnet wurde.

Ob das „Amazonas“-Projekt, das übrigens nach São Paulo, Lissabon und Rotterdam weiterwandert, sein ökologisches Ziel erreicht, vielleicht auch den Interessentenkreis der Biennale erweitern kann? „Ich hoffe es“, sagt Schedl. Und räumt ein, dass dies alles mit Widersprüchlichem behaftet ist. „Auch wir Projektteilnehmer müssen selbstkritisch sein – schließlich verbrauchen wir auch massig Ressourcen und Strom dafür.“ Und was bedeutet Natur für Klaus Schedl? „Ruhe, eine Form des Aufgehobenseins. Dass ich für so etwas aggressive Klänge benutze, ist schon schizophren, oder?“

von Markus Thiel

Kleine Biennale-Geschichte

Die Münchener Biennale versteht sich als Erprobungsort und erstes Musiktheater-Podium für Komponisten und wurde von Hans Werner Henze, dem Doyen der Gegenwartsmeister, gegründet. 1988 fand das erste Festival statt – mit riesigem Erfolg. Die Werke von Adrana Hölszky und Detlef Glanert wurden vielfach nachgespielt: keine Selbstverständlichkeit in der Gegenwartsmusik. In den Folgejahren beteiligten sich heute prominente Komponisten wie Tan Dun, Jan Müller-Wieland und Hans-Jürgen von Bose. Seit 1996 leitet der Komponist, Dirigent und Musikmanager Peter Ruzicka die Biennale, die namensgemäß alle zwei Jahre stattfindet.

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