Der Komponist ist König

The Who im Gespräch: - Am 13. Juni geben sie in der Münchner Olympiahalle ihr Konzert: die Musiker der legendären Band The Who. Wir sprachen in Madrid mit den Rockpionieren Pete Townshend und Roger Daltrey.

Wie ein dicker Hintern hat sich der Sports Palace im nordöstlichen Madrid breitgemacht. Ringsherum glotzen Altbaubalkone den in die Umgebung gezwängten Koloss aus Stahl, Beton und Glas beleidigt an, und tief in dessen Inneren, wo sich sonst Basketballer von Real Madrid umziehen, geht‘s auch nicht viel harmonischer zu.

Die beiden Rockpioniere Pete Townshend und Roger Daltrey von The Who werden von einer kleinen Journalistenschar gefragt, wie sie ihr erstes Europa-Konzert am Vorabend in Lissabon fanden. "Absolut in Ordnung" sagt Daltrey. "Es war grauenvoll", entgegnet Townshend.

Es ist ein Wunder, dass diese beiden Sturköpfe überhaupt wieder zusammenarbeiten. Der diktatorische Kunstschüler und Gitarrist Townshend, der an diesem Samstag seinen 62. Geburtstag feiert, und der impulsive Fabrikarbeiter und Sänger Daltrey (63) pflegten sich früher gerne mal zu prügeln. Sie schienen sich tierisch zu nerven und gleichzeitig zu brauchen.

Viel hat sich daran nicht geändert, doch es scheint zu funktionieren. Die beiden sehen gut erholt, geradezu jugendlich aus und haben nach gut 20 Jahren eine überaus manierliche LP namens "Endless Wire" herausgebracht. In Amerika begeisterten sie live, und auch heute im Sports Palace legen sie eine wahre Starkstrom-Show hin.

Die gut 10\x0f000 Fans verwandeln den Saal in einen Affenstall. Bedrohlich schwellen die Who-, Who-, Who-Rufe an. Dann erklingen mit erlösender Wucht die ersten Akkorde von "I Can‘t Explain". Townshend drischt in seine Fender Stratocaster, Daltrey schreit wie ein Kanonenrohrspatz ­ nicht anders als vor 30 Jahren. "I‘m feeling good, now, yeah, but I can‘t explain."

So wirklich erklären können Townshend und Daltrey nicht, was sie antreibt, nachdem Schlagzeuger Keith Moon schon lange tot und Bassist John Entwistle im Jahr 2002 gestorben ist. Die alte Band erscheint an disem Abend immer wieder auf der Videoleinwand.

Aber diese neuen Who klingen großartig ­ mit Zak Starkey, Ringo Starrs Sohn, am Schlagzeug und Petes Bruder Simon Townshend am Bass. Roger wirbelt das Mikro herum wie ehedem, und Pete macht die "Windmühle" ­ er lässt seinen Arm über der Gitarre rotieren.

Nur eines machen sie nicht mehr: ihre Instrumente am Ende zu Klump hauen. "Schade, dass die Leute das nie als Kunst verstanden haben", sagt Daltrey über das Ritual aus den 60ern. "Wir haben damit Geräusche erzeugt. Es war ein symbolischer Akt für das, was sich die Menschen gegenseitig antun. Die Gitarren haben für sie geschrien."

Und Townshend räumt mit einem anderen Mythos auf: Nein, er habe im Song "My Generation" nicht über das Altwerden geschrieben. "Ich meinte die Geisteshaltung der Leute um mich herum. Ich wollte nicht werden wie sie." Deswegen kann jede Generation die Band und den Song neu entdecken und beherzt "I hope I die before I get old" mitgrölen wie die zum Teil blutjungen Madrilenen.

Auch die neuen Songs kommen gut an, sie klingen satter als auf Platte, was Daltrey bestätigt. Seiner Meinung hätte die Platte etwas mehr Live-Atmosphäre vertragen. "Pete hat alles im Alleingang einspielen lassen. Die Songs hat er mir dann zum Singen gegeben. Ich habe es gehasst, so zu arbeiten. Pete will die komplette Kontrolle über alles haben. Das macht es für mich schwierig, gelinde gesagt."

Townshend lässt das kalt. "Roger ist ein Sänger", sagt er lapidar. "Der Komponist ist König. Ich kriege, was ich will. Nur so funktioniert es." So ist die Hackordnung, da mag Daltrey noch so betonen: "Ich habe die Band gegründet." Also lenkt er ein: "Wir sind komplett verschieden. Aber das Tolle an Freunden ist doch, dass man Differenzen haben kann und sich trotzdem mag."

Vielleicht liegt es an dieser Spannung, dass The Who immer noch kein Moos angesetzt haben. Am Ende der Show jedenfalls, als die Madrilenen "Olé, olé" brüllen, geben der Gitarrist und der Sänger den Sicherheitsabstand auf und umarmen sich kurz. "It‘s great to be back", ruft Townshend ins Rund. Dann verlassen sie getrennt die Bühne.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft

Kommentare