Komponist aus Liebe

- Wer Ton Koopman (61) jemals beobachtet hat, wie er am Cembalo sitzt oder seine Ensembles dirigiert, der hat erfahren: Hier ist einer am Werk, der von der Musik schier besessen ist. Mit seinem Amsterdam Baroque Orchestra und dem dortigen Baroque Choir gehört Ton Koopman zu den wichtigsten Vertretern der historischen Aufführungspraxis. Morgen und am Freitag ist der 61-Jährige im Herkulessaal zu Gast bei Symphonieorchester und Chor des BR. Auf dem Programm: Georg Friedrich Händels "Messias".

Wann haben Sie damit begonnen, bei modernen Orchestern "fremdzugehen"?

Koopman: Mitte der 70er, als Harnoncourt damit angefangen hat. Vielleicht ist ein falsches Bild entstanden: Mit meinem Amsterdam Baroque Orchestra arbeite ich 16 Wochen pro Jahr, mit modernen Ensembles etwa 20.

Sind diese Dirigate ein klanglicher Kompromiss?

Koopman: Man muss schauen, so weit zu kommen, dass das Musizieren Spaß macht. Und am besten ist es, wenn diese Orchester zu dem Schluss kommen: O ja, so ist es viel schöner! Das Problem für moderne Ensembles ist doch: Barockorchester nehmen ihnen Repertoire weg, Moderne wird auch kaum gespielt - also bleiben nur 100 Jahre Musikgeschichte übrig!

Harnoncourt hat seine Aufführungspraxis auch als Widerstand zum etablierten Musiksystem begriffen, Herreweghe verknüpfte das sogar mit Politischem. Und Sie?

Koopman: Na, Herreweghe war ja mein Schüler. Und die Johannes-Passion mit Texten gegen den Vietnam-Krieg, auf die Sie anspielen, hatten damals wir beide zu verantworten. Als ich 35 war, galt ich für viele als Knabe, der kuriose, idiotische Sachen fragt. Wir haben uns für Menschen mit furchtbar viel Geschmack, aber ohne Technik gehalten, die gegen Menschen ohne Geschmack und mit viel Technik kämpfen. Unser Publikum ist uns treu geblieben und gewachsen. Damals kam es mit der Ente zum Konzert, heute fährt es BMW.

Sie haben Bachs Markus-Passion - zum Teil mit eigenen Stücken - rekonstruiert, ebenso Mozarts c-moll-Messe, vervollständigen auch schon mal Bach-Kantaten: Darf man denn das?

Koopman: Ich versuche zu verstehen, was Bach gemacht hat, vergleiche mich aber nicht mit ihm. Manchmal wurde in den Kantaten einfach eine Stimme nicht überliefert. Alles fing damit an, dass ich für Hermann van Veen alte Weihnachtslieder für historische Instrumente bearbeitet habe. Und noch früher, als ich verliebt war, habe ich für meine Freundinnen Musik geschrieben. Ich wollte auch immer alte Komposition studieren, nur war das gar nicht möglich. Diese Musik hat mich immer irrsinnig gefesselt.

Bedauern Sie womöglich, nicht im 17. oder 18. Jahrhundert gelebt zu haben?

Koopman: Manchmal. Diesen damaligen Homo universalis finde ich schon faszinierend. Ich bin da gespalten. Ich will mir ja die Freiheit bewahren, im Stil von damals zu denken und zu schreiben. Und wenn ich an die Probleme mit der Gesundheit, mit der Hygiene seinerzeit denke . . .

Aber Aufführungs-Dogmen gingen Ihnen zu weit.

Koopman: Ja. Einer meiner Lehrer sagte einmal, die beste Interpretation sei doch das Lesen der Partitur. Das kann es nun auch nicht sein. Ich achte auf Aufführungsdetails, die Kreativität des Ausdrucks bleibt aber das Wichtigste. Konzerte erzählen eine Wahrheit. Und die Zusammenarbeit mit meinem Chor ist in den schönsten Momenten wie ein Flirt. Ich habe allerdings die Idee, auch mal eine szenische Rekonstruktion des Barocktheaters zu wagen.

"Cäsar" in Toga vor gemalten Säulen-Prospekten?

Koopman: Warum nicht? Ich habe mal eine rekonstruierte "Zauberflöte" gemacht, allerdings mit einem schlechten Regisseur. Man bräuchte dafür junge, kreative Leute.

Gibt es auch Moden bei der Barock-Interpretation?

Koopman: Ich sehe eine Tendenz, dass sich junge Kollegen keine Zeit mehr für die Frage nehmen, ob die Generation vor ihnen wirklich alles richtig gemacht hat. Wer sagt denn, dass wir Recht haben? Wir hatten damals dauernd Fragen gestellt, meinetwegen auch aus politischen Gründen. Und wir haben intensiv geforscht. Heute denkt sich mancher: Na, die alten Barockmaestri haben doch schon alles herausgefunden.

Als Ihre frühere CD-Firma die Gesamtaufnahme Ihrer Bach-Kantaten nicht fortgesetzt hat, haben Sie ein eigenes Label gegründet. Grollen Sie noch?

Koopman: Nein. Als ich damals auf mein Haus eine Hypothek aufgenommen habe, um mein Projekt zu verwirklichen, da hatte ich schon ein wenig Angst. Doch jetzt sind wir fast fertig. Und alles läuft so gut, dass ich mit einem Buxtehude-Zyklus anfange. Gardiner und Savall haben ja auch eigene Firmen. Vielleicht ist das die Zukunft.

Warum dirigieren Sie eigentlich nicht Bruckner wie etwa Herreweghe?

Koopman: Früher habe ich immer gesagt, mit dem Mozart-Requiem sterbe auch ich - vom Repertoire her gesehen. Mittlerweile habe ich schon das Schumann-Requiem aufgeführt, demnächst mache ich Rossinis "Italienerin in Algier". Bei Bruckner und Mahler steht so viel da, da sind so viele Interpretationsanweisungen - ich fühle mich eingeengt. Außerdem dauert mir das alles zu lang (lacht). Im Studium bekamen wir immer Gratis-Tickets. Und was bekam ich? Bruckner und Mahler. Also die falschen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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