Komponist auf Pump

- Preisverleihungen haben gemeinhin keinen hohen Unterhaltungswert. Reden, Würdigungen, ein paar Takte Musik: Auch bei der Verleihung des 30. Ernst von Siemens Musikpreises war das Programm entsprechend. Und doch sah man am Donnerstag nach zweistündiger "Prozedur" beim Empfang im Foyer des Münchner Cuvilliestheaters nur zufriedene Gesichter. Warum?

<P>Der vor zwei Jahren selbst ausgezeichnete Musikwissenschaftler Reinhold Brinkmann bescherte dem mit Komponisten und Musik-Honoratioren durchsetzten Auditorium eine geradezu choreographierte, persönlich getönte, ebenso kluge wie amüsante Laudatio. Und der heuer mit dem "Nobelpreis" ausgezeichnete Koloss aus Karlsruhe, Wolfgang Rihm, bedankte sich auf anrührende Weise: Mit zwei "Stillen Stücken", Liedern für Bariton, Streicher (und Horn nur im zweiten), die in Text und Ton von Rihms innerer Bewegung kündeten. Solist war Thomas Bauer, von Christoph Poppen und Musikern seines Münchner Kammerorchesters sensibel begleitet.</P><P>Zwei Werke, die Rihms Meisterschaft bestätigten und Brinkmanns Worte: "Insgeheim, hinter vorgehaltener Hand würde ich zu sagen wagen, dass hier für mich das Zentrum von Rihms Komponieren ist." Zwischen drei Pulten pendelnd, offerierte er seine Momentaufnahmen. Er erzählte von Luigi Nonos Wunsch an den aus dem Vollen schöpfenden Rihm ("Du brauchst eine Krise"), zitierte aber auch Rihm selbst: "Ich schreibe viel. In keiner Berufssparte wird jemand, der viel arbeitet, denunziert, nur in der Kunst! Ich halte das für eine Unverschämtheit." Der eloquente, aber "zum Danken mit Worten unbegabte" Rihm konterte gleichwohl: "Ich existiere nur aus Krise." Wie gut ihm das Preisgeld, 150 000 Euro, tut, leugnete er nicht: "Ein Komponist lebt auf Pump. Jetzt kann ich Schulden abtragen."</P><P>Auch die mit den Förderpreisen (je 30 000 Euro) bedachten jungen Komponisten nutzten die Chance, mit kurzen Werken ihre Markierung zu setzen. Chaya Czernowin lässt in ihrem Fragment aus "Dam sheon Hachol" sechs Streicher zart Gestalt annehmen, sich aneinander annähern und sich wieder verlieren. Christian Jost stellte sich mit der farbig bewegten "mascerade" aus seiner Oper "Changeling" vor, und Jörg Widmann ließ in den Freien Stücken VIII, IX und X seine Handschrift aufscheinen.</P>

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