Kompromiss ohne Signale

- Ein Goldener Löwe für Ang Lee. Mit der gefälligen, schwulen Liebesromanze "Brokeback Mountain" gewann der aus Taiwan stammende, in New York lebende Regisseur beim Filmfestival von Venedig den Hauptpreis. Weitere Preise bekamen George Clooney (Drehbuch) für "Good Night, and Good Look" und David Straithern als bester Darsteller im selben Film, der sich mit Journalisten in der McCarthy-Ära befasst. Geehrt wurde überdies der Franzose Philippe Garrel (Spezialpreis der Jury, Kamera) für "Les amants regulieres", eine Liebesgeschichte unter Nach-68ern. Einen Regiepreis bekam überraschend der Amerikaner Abel Ferrara für den religiösen Horrorfilm "Mary". Und Clooney gewann als Regisseur noch den "Fipresci"-Kritikerpreis.

Das Ergebnis sorgte für ein wenig Enttäuschung am Lido. Dies galt der Tatsache, dass mit der Entscheidung keinerlei Signal, egal in welche Richtung, verbunden ist. Denn die Filme Clooneys und Garrels, bei denen sich die Jury offenbar nicht einigen konnte, sind so denkbar verschieden, dass die Entscheidung für Lee als fauler Kompromiss erscheinen muss. Meisterwerke wie Patrice Ché´reaus "Gabrielle" und Park Chan-wooks "Sympathy for Lady Vengeance", die beim Publikum sehr gut angekommen waren, wurden sogar völlig ignoriert.

Fünf Standing Ovations für Trickfilmer Hayao Miyazaki

Dafür passt Ang Lees Sieg prächtig zur Aufmerksamkeit, die das Festival in diesem Jahr in allen Sektionen dem asiatischen Kino zuteil werden ließ. Zum Abschluss zeigte man Peter Chans "Perhaps Love", ein furioses, sehr melodramatisches Musical aus Hongkong und China.

Für die größten Gefühlsausbrüche sorgte aber Hayao Miyazaki. Der 64-jährige japanische Animationsmeister erhielt einen Ehrenlöwen für sein Lebenswerk und riss das Publikum bei der Verleihung im Festivalpalast zu (hier noch nie gesehenen) fünf, jeweils minutenlangen Standing Ovations hin. Zwei ältere Filme des bei uns vor allem über die TV-Trickserie "Heidi" bekannten Regisseurs wurden gezeigt: Animationskino für Erwachsene als unterhaltsame Schmiede moderner Mythen.

Ein besonderer, überaus seltener Auftritt war auch der von Wei Wei. Kaum einer kennt die heute 83-jährige im Westen. Sie in Venedig zu sehen, ist aber, als könne man Greta Garbo oder Anna Magnani noch einmal leibhaftig begegnen. Denn Wei Wei ist "die" Ikone des chinesischen Kinos, gefeiert zuletzt noch von modernen Regisseuren wie Wong Kar-wei. So stand die rüstige Dame lächelnd im Sonnenschein, genoss den Moment, und machte mit ihrer Hand wohlgestaltete Bewegungen, die ein bisschen wie die Gunstbezeugungen einer Königin aussahen. Dann präsentierte sie in der Retrospektive "Springtime in a small Town" von Fei Mu, in dem sie 1947 die Hauptrolle spielte - ein Klassiker des chinesischen Kinos. Auch eine Ikone aus Deutschland trat auf: Veruschka von Lehndorff, in den 60ern das erste deutsche Supermodel, Muse von Antonioni (in dessen "Blow Up" sie mitspielte) und Andy Warhol. Gemeinsam mit Paul Morrissey und Bernd Boehm hat sie einen Film über ihr Leben produziert: "Veruschka - (m)ein inszenierter Körper" reflektiert ein Starimage, das er zugleich bedient. Denn das, was diese Essay-Dokumentation über den Durchschnitt hinaushebt, ist sein Thema, ist die einzigartige Schönheit Veruschkas.

Die letzten Tage standen wieder einmal im Zeichen der in Venedig üblichen Spekulationen: Wird Festivalleiter Marco Müller, ein Berlusconi-Mann, auch nach einem Regierungswechsel im Frühjahr seinen Vertrag erfüllen? Wird ein neuer Festivalpalast gebaut, um die aus allen Nähten platzende Infrastruktur zu entlasten? Oder droht eher der Untergang, durch die Ankündigung, in Rom solle bald eine große, finanziell weit besser ausgestattete Konkurrenz stattfinden? Im Zweifelsfall bleibt alles, wie es ist. Und das schmucke Modell eines Glaspalastes inklusive Vorführsaal für 2700 Kinozuschauer, das diesmal im Pressefoyer zu bewundern war, wird wohl wie seine drei Vorläufer im Keller vermodern.

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