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Historische Größe: Das Denkmal des Kirchenreformators Martin Luther auf dem Marktplatz seiner Geburtsstadt Eisleben.

Neue Luther-Biografie: Der Kompromisslose

Unbeirrbar, furchtlos, fromm. Aber auch demagogisch, rückwärtsgewandt und intolerant – zumindest gegenüber anderen Religionen. Der Kirchenreformator Martin Luther war ein Mann der Widersprüche.

Die neue Luther-Biografie des Historikers Heinz Schilling kennt sie alle.

„Wir hier sind überzeugt, dass das Papsttum der Sitz des wahren und leibhaftigen Antichrist ist, gegen dessen Lug und Trug uns um des Heils der Seelen willen unserer Meinung nach alles erlaubt ist.“ Was sich da der Augustinermönch, Theologieprofessor und Reformator Martin Luther (1483-1546) im Jahr 1519 zu schreiben erlaubt hat, würde heute keinem Protestanten mehr über die Lippen kommen. Dazwischen liegen aber auch rund 500 Jahre. Die Welt hat sich gewaltig geändert, die christlichen Kirchen sind um Eintracht bemüht, auf beiden Seiten, der katholischen wie der evangelischen, droht der Verlust ihrer Gläubigen und also der Verlust an Bedeutung.

Im Vorfeld zum Luther-Jahr 2017, das den 500. Jahrestag des Anschlags der 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg als Signal zum Aufbruch in eine moderne Zeit feiert, hat der Berliner Historiker Heinz Schilling jetzt eine neue Luther-Biografie vorgelegt. Sie trägt dazu bei, den Wittenberger auf dem aktuellen Stand heutiger Geschichts- und Religionsforschung zu würdigen.

Und zwar nicht, indem der Reformator glorifiziert wird, sondern indem sie die Widersprüche seiner Persönlichkeit herausarbeitet, deutlich benennt und darstellt: ihre Furchtlosigkeit wie auch ihre Fragwürdigkeit; Luthers konfessionellen Mut, der auch ein politischer war, und dazu seine sich immer radikaler gebärdende Feindschaft Andersgläubigen, Muslimen und vor allem Juden, gegenüber; seine überragende historische Bedeutung für den politischen Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit und seine „Medien“-Genialität, die ihn Dank seiner Redekunst und des gerade erst erfundenen Buchdrucks zu einem unerhört populären Europäer machte.

Dem Autor gelingt es, innerhalb seiner wissenschaftlichen Herangehensweise glücklicherweise auch die menschliche Seite der Biografie zu betonen, womit er Martin Luther insofern gerecht werden dürfte, als dieser selbst keinerlei Scheu vor Populismus kannte. So erfährt der Leser von den enormen körperlichen Strapazen, die der mittellose Luder, wie er als junger Mann noch hieß, auf sich nahm, um zu Fuß zu reisen – von Eisleben, seiner Geburtsstadt, nach Erfurt, dem Ort seines Studiums. Von dort aus einmal Rom hin und zurück. Schließlich von Erfurt nach Wittenberg, jener Stadt, in der er fortan lebte und lehrte und deren Schicksal aufs Engste mit ihrem berühmtesten Bürger verbunden ist.

Es war nicht unbedingt ein Zeichen fortschrittlichen Denkens, das Luther zu jener historischen Größe werden ließ, die das Heilige Römische Reich ins Wanken brachte. Es war vielmehr, so Autor Heinz Schilling, zunächst eine gewisse Rückwärtsgewandtheit des jungen Martin, die zum Auslöser seiner reformatorischen Umwälzungen, zum Bruch mit Rom, mit Ämterkauf und Ablasshandel geriet. Denn der Vater wollte, dass sein Sohn Jura studieren möge, um im Geschäft des Kupferminenbergbaus einmal sein Nachfolger zu werden. Der Vater, so Schilling, war der Typ des neuzeitlichen Erfolgsmenschen, dem der gesellschaftliche Aufstieg mehr galt als das größte religiöse Opfer. Er mochte sich nicht abfinden mit dem in seinen Augen reaktionären Schritt seines Ältesten.

Aber „nicht berufliche Karriere, sondern Gottesnähe, nicht die Welt, sondern das Heil standen fortan im Zentrum von Martins Lehre“, schreibt sein Biograf. Und er versäumt nicht, auf die „apokalyptischen Ängste“, auf „die Mächte des Bösen“ und die „Visionen des Endzeitkampfes“, mit denen der Reformator bis an sein Lebensende zu ringen hatte, hinzuweisen.

Anschaulich zeichnet Heinz Schilling die einzelnen Lebensstationen des in seinem Glauben und seiner Kirchenkritik unbeirrbaren und wirkungsmächtigen Martin Luther nach, wozu vor allem die Begegnung des 37-Jährigen Theologen mit dem 21-jährigen, soeben zum Kaiser gekrönten Karl V. in Worms zählt oder die inszenierte Entführung des Reformators, die ihn zur Sicherheit vor des Kaisers Häschern auf die Wartburg brachte, sowie Luthers Entschluss, sich mit der aus einem Kloster geflohenen jungen Nonne Käthe zu verheiraten und Frömmigkeit mit Fleischeslust glücklich zu verbinden.

Eine immense Stofffülle bietet die Biografie dieses reichen Lebens eines in materieller Hinsicht letztlich doch arm gebliebenen Mannes. Der wissbegierige und historisch interessierte Leser kann bei dieser Lektüre mit beachtlichem Erkenntnisgewinn in eine längst vergangene Ära eintauchen: in das geistige Leben jener Jahre, in die Sorgen, Nöte, Daseinsqualen und politischen wie auch konfessionellen Konstellationen zu einer Zeit des großen Umbruchs in Europa.

Dabei konfrontiert ihn der Autor mit der durchaus unbequemen Tatsache, dass der kompromisslose Held Martin Luther auch seine dunklen Seiten hatte, wenngleich sie aus dem frühen 16. Jahrhundert heraus anders zu bewerten sind als im 20. oder 21. Jahrhundert. Trotzdem ist es doch erstaunlich, wie gut es Schilling gelingt, diesen Demagogen der Kanzel in Bezug zu unserer Gegenwart zu setzen. Also noch immer Bruder Luther.

SABINE DULTZ

Heinz Schilling:

„Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie.“ C. H. Beck Verlag, München, 714 Seiten; 29,95 Euro.

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