Konfetti und Pinguine

- Kölscher Karneval, mitten im Sommer, und dann auch noch in Salzburg! Jürgen Flimm beschert ihn dem Publikum, das auszog, Henry Purcells "King Arthur" bei den diesjährigen Festspielen kennen zu lernen, und begräbt die "Dramatick Opera" in einer wüsten Materialschlacht.

<P></P><P>Es war Nikolaus Harnoncourts Herzenswunsch, dieses zwittrige Wesen aus Musik und Theater (Text: John Dryden) einmal mit allem Drum und Dran auf die Bühne zu stellen. Seit Jahren schon preist er die kompositorische Kühnheit und Eigenständigkeit des frühen britischen Barockkomponisten. Beim Opernauftakt der Salzburger Festspiele, am Samstagabend in der Felsenreitschule, wurde er zum Überzeugungstäter. Er nimmt die Hörer mit auf eine Reise ins London der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert.</P><P>Mit seinem Wiener Concentus Musicus bringt er die musikalisch plastisch herausgearbeiteten Nummern, die Chöre, Arien, Duette, die Tänze und Zwischenaktmusiken spontan zum Leuchten. Wie kleine, kostbare Inseln tauchen sie aus der Flimm' schen (Reiz-)Überflutung auf, machen sie für Minuten vergessen. Dunkel timbriert und durchaus erdhaft klingend, entfaltet Purcells Musik ihre Reize: kunstvolle Polyphonie und ungewohnte Harmonik, Abwechslungsreichtum, kraftvolle, von Harnoncourt rhythmisch befeuerte Lebensfreude. Da schlägt der Meister der Alten Musik sprühende Funken aus der Partitur: "'tis Love that has warm'd us." Auch in der berühmten Frostszene lässt allein die Musik den Hörer mitbibbern. Während Flimms Pinguin-Aufmarsch und seine Pudelmützen-Aktion - sogar Harnoncourt bekommt eine über die Ohren - Gag bleiben. </P><P>Zugegeben, es ist nicht leicht, diese Semi-Oper auf die Bühne zu wuchten. Mit Feierlichkeit kommt man dem von britischem Humor angeschwärzten barocken Huldigungs- wie Unterhaltungstheater nicht bei. Aber auch nicht mit leeren Gags, plumpem Witz oder peinlichen Extempores und platter Mini-Publikumsbeschimpfung. Flimm lässt nichts unversucht. Er schüttet die Breitwandbühne mit seinen Einfällen (vom Maschinentheater bis zum Karneval) zu. Klaus Kretschmar hat ihm - quasi als Notiztafel - ein paar knallblaue Arkaden vor die steinernen gesetzt und die Bühne zur poppig bunten Rampe gemacht, die den Orchestergraben umkreist. Eine bunte Gerüstwand (rechts) fungiert als Start- und Landeplatz für "Flugobjekte" und als Standort für die Konfetti-Kanone. Allzu oft flimmern Videos über die Rückwand, wird gebeamt oder in kurzer Laufschrift die nächste Szene avisiert.</P><P>Letzteres ist durchaus hilfreich, raubt doch die problematische Akustik den Schauspielern manches Wort. Natürlich bietet die krause Geschichte viel Raum für schräge Assoziationen, aber Flimm springt vom Operettenkrieg zum Schlussball, vom Zaubermärchen zum Kiez und vom Boxkampf zum Popkonzert. Und zu allem darf Birgit Hutter Schauspieler, Sänger, Tänzer und Chor passend ausstaffieren, wobei schon mal ein Busen oder ein Hinterteil nackt bleiben. Aber trotz Moden- und Materialschau werden die drei Stunden Spielzeit lang, sehr lang.</P><P>Ungetrübte Freude bereiten nur die 90 Minuten (reine) Musik, zumal Harnoncourt mit den Sopranistinnen Barbara Bonney, Isabel Rey, Birgit Remmert (Alt), Michael Schade (Tenor) und Oliver Widmer (Bariton) und dem exzellenten Wiener Staatsopernchor ein stilsicheres Team aufbietet. Die Sänger schlüpfen mit Wonne in allerhand Rollen und verweisen die Schauspiel-Kollegen auf Platz zwei. Die sind Flimm ausgeliefert, dürfen mit Harnoncourt nicht singen, nur albern kokettieren. </P><P>Dennoch: Michael Maertens amüsiert mit schusseliger Nonchalance und lässiger Ironie als kriegerischer und sehr verliebter König Arthur. Als seine blinde, später sehende Emmeline entdeckt Sylvie Rohrer mit Anmut sich, die Welt und zuletzt auch ihn. So wie der muntere Luftgeist Philidel (Alexandra Henkel) hätte auch das Publikum gern abgehoben in diesem theatralisch-musikalischen Spektakel, in dem Flimm (heftig angebuht) verhinderte, was Harnoncourt (heftig gefeiert) anpeilte. Ein Fehlstart.</P>

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