Mindestens 23 Tote bei Angriff auf Bus mit Christen 

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Konkubine der Offiziere

- Kriegsende. Zeit ohne Gesetz. Willkür. Angst. Plünderung. Vergewaltigung. Überlebenskampf. Die Sieger im Recht. Freiwild die Besiegten. In der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen "Anderen Bibliothek" sind jetzt die Tagebuchaufzeichnungen "Eine Frau in Berlin" erschienen. Dabei handelt es sich um den Zeitraum vom 20. April bis zum 22. Juni 1945. Die Autorin wollte nie genannt sein. Und so ist die aktuelle Veröffentlichung anonym geblieben.

Schon die Geschichte dieses Tagebuchs ist interessant. Die Verfasserin, im Frühjahr '45 wohl Anfang 30, hat nach dem Krieg ihre in Schulhefte hineingekritzelten täglichen Erlebnisse noch einmal auf der Schreibmaschine abgetippt. Dabei hat sie Sätze vervollständigt, Angedeutetes verdeutlicht. Der Schriftsteller Kurt W. Marek (C.W. Ceram), ein Freund der Autorin, erfuhr von dem Manuskript. Nach seiner Ansicht ein unerhörtes Dokument der Zeitgeschichte. Denn wovon hier berichtet wird, entspricht dem grauen Massenschicksal ungezählter Frauen in Zeiten des Krieges. Konkret also jener Frauen und Mädchen in Berlin, die den Soldaten der Roten Armee auf der Straße ihres Sieges in die Hände fielen. Die Berichterstatterin - ein Fall wie tausend andere.

Der Pöbel aus der Taiga

In den frühen 50er-Jahren Veröffentlichungen in den USA, in Holland, Japan, Skandinavien, Finnland. 1959 dann die erste deutsche Ausgabe. Eigennamen wurden geändert, manche Einzelheiten vertauscht, alles zum Zwecke der Wahrung ihrer Anonymität. Wer das jetzt erneut erschienene Tagebuch liest, weiß, warum die Verfasserin nicht genannt, nicht erkannt sein wollte.

Ihre Notate beginnen mit der Schlacht um Berlin. Die junge Frau befindet sich in einem Mietshaus im Osten der Stadt. Für uns heute unvorstellbar das Erlebte: die Nächte im Keller, die Angst ums Leben, der alle Hemmungen vernichtende Hunger, die Einschläge der Bomben. Dann die ersten Russen. Demütigung, Tötung, Schändung massenweise. Das Mietshaus wird zur Hölle. Und die Autorin richtet sich im Überlebenskampf ein in dieser Hölle.

Um dem Mob der Soldaten zu entkommen, ihrer Siegergier, ihrem Mordgelüst, ihrem tierischen Begehr, wird sie, die ein wenig Russisch spricht, die Konkubine der Offiziere, der Gebildeten, der Puschkin-Kenner, die ihr und den Mitbewohnern halbwegs Schutz gewähren vor dem Pöbel aus Taiga und Tundra und sie bewahren vor dem Hunger. "Mit dem Major hingegen lässt sich reden. Womit ich die Frage aber noch nicht beantwortet habe, ob ich mich nun als Dirne bezeichnen muss, da ich ja praktisch von meinem Körper lebe und für seine Preisgabe Lebensmittel beziehe", reflektiert sie kühl in ihrer Kladde.

Das Erstaunliche dieser Horror-Notate einer Besiegten: Sie sind kein Aufschrei, sie sind - vielleicht - Therapie. Als würde sie von außen auf sich blicken und auf das, was ihr tagtäglich und nächtens widerfährt. Emotionslos. Und ohne Hass. Und manchmal auch gerührt von den Kindergesichtern unter den Soldatenmützen. "Wie sind wir Westler alt und überklug - und sind jetzt doch Schmutz unter ihren Stiefeln", notiert sie fünf Tage vor der Kapitulation am 8. Mai 1945.

Ohne Uhrzeit und Ultimo

Die Distanz zu sich selbst als eine Möglichkeit, bei aller Verletzung und Erniedrigung, bei  allem  Dreck und Schmutz unbeschädigt und irgendwie doch rein zu bleiben. Und bei den immensen Qualen den Blick für Gerechtigkeit nicht zu verlieren: Das macht die Außerordentlichkeit und auch das Ergreifende dieses Tagebuchs aus. 1947 sagte die Schreiberin dem Freund: "Keins der Opfer kann das Erlittene gleich einer Dornenkrone tragen. Ich wenigstens hatte das Gefühl, dass mir da etwas geschah, was eine Rechnung ausglich."

Doch teuer, zu teuer mussten die Frauen dort bezahlen, wo 1945 die Russen Quartier machten und eine Schneise in die Körper und die Seelen der Frauen schlugen. Acht Wochen in Berlin, eine Straße nur, ein Haus bloß, als würde außerhalb dieser zerbombten Wände keine Welt mehr sein. Die ungenannte Autorin schreibt: "Es ist so sonderbar, ohne Zeitung, ohne Kalender, ohne Uhrzeit und Ultimo zu leben. Die zeitlose Zeit, die wie Wasser dahinrinnt und deren Uhrzeiger für uns einzig die Männer in den fremden Uniformen sind."

Ein außergewöhnliches, lesenswertes Buch. Ein Zeugnis, das den Nachgeborenen eine Ahnung von der Brüchigkeit aller Zivilisation vermittelt und nachsichtig macht. Denn Sieger und Besiegte wird es auch in Zukunft und überall auf der Welt geben.

Anonyma: "Eine Frau in Berlin - Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945".

Eichborn Verlag, Frankfurt am Main.

291 Seiten; 27, 50 Euro.

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