Konservativer Anarchist

- Ein Jahrhundertschauspieler wird hundert: Bernhard Minetti. Im Vorfeld des Jubiläums - er wurde am 26. Januar 1905 in Kiel geboren - ist soeben die Bildbiografie von Klaus Völker erschienen: "Meine Existenz ist mein Theaterleben". Minetti, der vor sechs Jahren starb, stand als Schauspieler fast bis an sein Lebensende auf der Bühne, so dass ein großer Teil jener hier versammelten Bilder vor allem eine Wiederbegegnung mit diesem Künstler bedeutet.

<P>Bekannt, berühmt ist heutigen Generationen der alte Minetti. Jenen Schauspieler aber, der als jüngerer Mann zu distanzlos die nationalsozialistische Kunstpropaganda bediente, nahm man in der öffentlichen Beurteilung eigentlich nicht mehr wahr. Im Berlin der NS-Zeit feierte Minetti auf der Bühne Erfolge. </P><P>In den späteren Nachkriegsjahren, nach einer gewissen Zeit der Stille, holten die Regie-Kapazitäten Fritz Kortner und Rudolf Noelte den blendenden Theater-Bösewicht zurück in die Gegenwart, beflügelten ihn zum furiosen Spiel, entfesselten in ihm die Teufelsskala der Gefühle. Eine andere, neue Qualität aber erreichte Bernhard Minetti durch den Dramatiker Thomas Bernhard, dessen Stücke wie für ihn und zum Teil auch gezielt auf ihn hin geschrieben wurden.</P><P>Dieses reiche, nicht unproblematische, aber vielleicht gerade darum so erfüllte Künstlerleben blättert Völker in Text und Bild und in einem detaillierten Anhang auf. Dazu ein bislang unveröffentlichtes Interview aus dem Jahr 1988. Der "konservative Anarchist und Theaterkönig", wie er ihn nennt, bekommt mit diesem Buch seinen letzten, triumphalen Vorhang.</P><P>"Bernhard Minetti - Meine Existenz ist mein Theaterleben"<BR>Eine Bildbiografie von Klaus Völker<BR>Propyläen Verlag, Berlin<BR>288 Seiten; 49 Euro<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare