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„Am liebsten wäre mir ein aufrechter Sozialdemokrat, aber die sind ja selten geworden“: Konstantin Wecker zum Thema Überzeugungstäter.

Konstantin Wecker: „Einsamkeit hilft mir beim Schreiben“

München - Konstantin Wecker, braungebrannt, eine Kette dicker Holzperlen in allen Farben des Regenbogens um den Hals, sitzt am Tisch eines Schwabinger Italieners, vor sich ein Bier. Der 64-Jährige wirkt entspannt und zufrieden. Er hat allen Grund dazu:

Sein Album „Wut und Zärtlichkeit“ ist soeben erschienen, für seine Tour wurde gerade erst ein Zusatzkonzert in München angesetzt.

-Dagegen zu sein, entspricht wieder dem Zeitgeist. Eine späte Genugtuung für Sie?

Schon. Ich war doch für viele lange der Alt-68er mit seinen romantischen Ideen. Das gibt auch eine gewisse Befriedigung, wenn es jetzt wieder heißt: Vielleicht ist es auch gut, dass jemand standhaft und seinen Überzeugungen treu geblieben ist. Nachdem es in den letzten 15 Jahren im Zuge einer neoliberalen Gehirnwäsche immer hieß: Wer sich engagiert, ist schlecht angezogen. Politisch bewusst zu sein, heißt uncool zu sein. Das hat die Jugend aufgesaugt. Mit dem Effekt, dass für viele von ihnen ein Einkaufszentrum erotischer war, als sich auf die Straße zu stellen und für seine Rechte einzutreten.

-Für Ihre Generation sind Sie eine sehr wichtige Stimme des Protestes. Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit Ihrer Botschaft nun auch die Jugend erreichen?

Ich weiß eigentlich gar nicht, was das ist: Jugend. Aber es kommen auch viele Jüngere zu meinen Konzerten. Da sehe ich vor allem drei Gruppen: Zum einen oft Mütter und Töchter gemeinsam. Da wurde die Begeisterung von einer zur nächsten Generation weitergegeben. Es gibt natürlich auch die, die zu meinen Konzerten geschleift wurden oder Kassetten von mir im Auto hören mussten und mich nicht mehr ertragen. (Lacht.) Und dann sind da die, die mit meinen Kindermusicals aufgewachsen sind und darüber den Weg zu meiner Musik gefunden haben.

-Und die dritte Gruppe sind die politisch Engagierten?

Genau. Da sind viele dabei, die sich etwa in der antifaschistischen Bewegung engagieren. Die kennen meine Lieder und können sich mit meiner Botschaft identifizieren. Das beobachte ich aber generell, dass sich die Jüngeren eher mit meiner Botschaft als mit der Lyrik identifizieren können.

-Wie erklären Sie sich das?

Die Poesie, der ich entstamme, ist nicht mehr angesagt. Heute begeistern sich viele eher für die Art Poesie, wie es sie im deutschen Hip-Hop gibt. Wir hatten damals, vor dem Abitur, einen Dichterzirkel. Wir haben uns leidenschaftlich mit Gedichten auseinandergesetzt, jeder von uns kannte etwas auswendig. Auch heute gibt es natürlich noch junge Lyriker, die etwas zu sagen haben, aber die werden kaum noch wahrgenommen. Das Verständnis dafür hat leider etwas nachgelassen, das finde ich schade.

-Lassen Sie uns über Ihr Album sprechen. Sie haben kürzlich gesagt: „Je älter ich werde, desto zurückhaltender verhalten sich die Musen.“ Wie haben Sie die denn angelockt?

Ich habe mich zum Song schreiben in die Toskana zurückgezogen. Dort, weit weg vom alltäglichen Stress, habe ich gehofft, dass sie sich schon zeigen würden. Einsamkeit hilft mir sehr beim Schreiben. Ich hatte zur Sicherheit aber auch ein paar Gedichte dabei, von Kästner und Hofmannsthal. Wenn mir nichts eingefallen wäre, hätte ich die halt vertont und ein Konzeptalbum aufgenommen.

-Im Titellied stellen Sie die Frage, ob man weiter revoluzzen sollte. Haben Sie eine Antwort gefunden?

Ja, ich denke schon. Mich hat die Frage sehr umgetrieben, weil man als jemand, der das Etikett „Revoluzzer“ trägt, Gefahr läuft, dass man irgendwann nicht mehr hinterfragt, warum man protestiert. Das Dagegensein droht, zur reinen Attitüde zu verkommen.

-In einem anderen Song regen Sie sich über den Wankelmut der Kanzlerin auf. Was ist Ihnen eigentlich lieber: Ein aufrechter Konservativer, der zu seinen Überzeugungen steht, oder einer, der sich dem Zeitgeist anpasst und linke Ideen wie den Atomausstieg umsetzt?

Na ja, wenn ich Frau Merkel glauben würde, dass sie ernsthaft ihre Meinung geändert hätte, dann würde ich ihr die Füße küssen! Ich glaube ihr das bloß nicht. Ich habe noch das Bild vor Augen, wie sie drei Monate zuvor, umringt von Vertretern der Atomkonzerne, die grinsten wie Honigkuchenpferde, die neuen Verträge unterzeichnet hat.

-Und wer wäre Ihnen nun lieber?

Mir ist immer jemand lieber, der zu seiner Meinung steht. Bloß kann ich mit einem streng Konservativen nun auch recht wenig anfangen, das können Sie sich vorstellen. Am liebsten wäre mir ein ehrlicher, aufrichtiger Sozialdemokrat. Aber die sind ja leider selten geworden.

Das Gespräch führte Juliane Frisse

Konstantin Wecker: "Wut und Zärtlichkeit“

(Sturm und Klang).

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