Der Konsum als einziger Traum

München - Mit seinem Buch "39,90" über die Abgründe der Werbebranche sorgte Frédéric Beigbeder vor acht Jahren für Aufsehen. Humorvoll und dennoch schonungslos kritisierte er die Verlogenheit, die Oberflächlichkeit und die manipulative Kraft von Werbung.

Offen schilderte er seine Erfahrungen als Werbetexter: endlose Meetings mit bornierten Kunden, die nie zufrieden sind, und ein rastloses, selbstgefälliges Leben mit Drogen, Frauen und hemmungslosem Konsum. Seine Geschichte brachte ihm die Kündigung ein. Seitdem widmet sich Beigbeder dem Schreiben. Vom Film "39,90" des Werbe-Regisseurs Jan Kounen zeigte er sich begeistert, vor allem weil er nichts beschönigt und das Thema unterhaltsam und gleichzeitig tiefgründig beleuchtet. Der Film startet am Donnerstag in unseren Kinos.

-Haben Sie beim Schreiben Ihres Buches an Ihre Kollegen in der Werbewelt gedacht und damit gerechnet, dass Sie den Job verlieren könnten?

Als ich das Buch geschrieben habe, habe ich mich die ganze Zeit gefragt, was passieren würde. Werden sie es mögen oder hassen? Und sie hassten es. Ich hielt es für möglich, dass das Buch ihnen gefallen könnte, aber sie hatten Angst vor den Reaktionen ihrer Kunden, deshalb verabschiedeten sie sich von mir. Die Leute, mit denen ich gearbeitet habe, konnten nicht selbstironisch sein. Sie glaubten an die wunderbare Utopie, dass Werbung den Planeten regiert. Aber ihre Reaktion zeigte, dass sie doch menschlich waren und keine Roboter, weil sie sehr emotional wurden.

-Entsprechen das Buch und der Film, die in Teilen sehr drastisch sind, denn der Realität?

Beide sind nicht nur realistisch, sie bleiben sogar weit hinter der Wirklichkeit zurück. Die Realität ist viel schlimmer. Einiges in der Geschichte ist natürlich Komödie, aber das meiste ist genau wie im Film. Leute aus der Werbebranche haben den Film gesehen und danach gesagt: Ich kann gar nicht verstehen, was daran so interessant sein soll, denn das ist mein Alltag. Ich hatte früher als Werbetexter auch immer versucht, Ideen für Werbefilmchen zu finden und sie an Kunden zu verkaufen. Und meine Kunden warfen diese Ideen in den Müll, ich musste wieder von vorne anfangen. Zehn Jahre lang! Das hat mich wirklich krank gemacht! Ich wurde immer wütender. Alle diese Treffen mit Leuten, die sagen, dass ihnen die Idee gefällt, aber dass sie diese dann doch nicht umsetzen wollen. Ich musste das Buch einfach schreiben, sonst hätte ich Magenprobleme bekommen!

-Aber hat Werbung nicht auch gute Seiten? Immerhin ist sie ein Zeichen von Freiheit.

Natürlich ist es wichtig, Plakate zu haben und Produkte anzupreisen. Aber es ist entsetzlich, wenn das die einzige Ideologie ist. Das ist unser Problem: Der Konsum wurde unser Ideal und einziger Traum. Früher träumten die Menschen von anderen Dingen als von einem schönen Auto. Heute träumt jeder davon, wie Nicolas Sarkozy Ferien auf einem großen Boot zu machen. Schrecklich! Wenn es bei Werbung nur darum geht, den Leuten zu erklären, warum ein Stuhl besser als der andere ist, ist das o.k. Natürlich verbinden die Menschen damit ein Stück Freiheit. Aber sie haben auch erkannt, dass sie davon zerstört werden und dass Werbung Sehnsüchte weckt, die nicht erfüllt werden können. Wir geben euch Freiheit und wir geben euch Frustration ­ beides zur gleichen Zeit!

Das Gespräch führte Cordula Dieckmann

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