Im Kontakt mit dem Jenseits

- Picasso musste weichen - und er hätte es gerne getan. Schließlich macht er in der Münchner Pinakothek der Moderne Platz für einen der Hauptanreger moderner Kunst: für afrikanische Skulpturen. Allerdings hat die Sammlung Baselitz wenig zu tun mit jenen Objekten exotischer Begierde, die Expressionisten und Kubisten gleichermaßen auf neue Wege geleiteten. Georg Baselitz sammelt(e) primär Ostafrikanisches.

<P>Formen  des Bruch mit der westlichen Ästhetik</P><P>Warum die imposanten Grabstelen, Ahnenfiguren und Stoffpuppen wenig beachtet wurden, ist unverständlich, andererseits liegt es auf der Hand: Mit den ästhetischen Masken und kantig reduzierten Westens haben die rauen Gebilde nichts zu tun. Vielmehr spürt man, warum der Bildhauer und Maler Baselitz Gefallen an den Kultobjekten gefunden hat: Sie widersprechen auch den Vorstellungen einer modernen Ästhetik, sie konfrontieren mit individuellen Befindlichkeiten und mit dem Ausdruck des Seelischen und Jenseitigen.<BR><BR>Ausgangspunkt für Baselitz waren und sind indes nicht die Bedeutung der Fetische oder die Magie der Puppen, der Künstler nähert sich von der visuellen Seite. Das Naturstudium an der Akademie löste bei ihm "Unbehagen" aus, was 1976 in der Hinwendung zur afrikanischen Kunst gipfelte. Seitdem hat er 140 Objekte gesammelt, die noch nie so komplett gezeigt wurden. Nach der ersten Station der Ausstellung in Düsseldorf setzt die Afrika-Sammlung nun ganz andere Akzente in München. Hier organisierte Carla Schulz-Hoffmann 1996 für die Sammlung Moderne Kunst eine frühe Retrospektive für Baselitz, hier hat er in der Pinakothek einen eigenen Saal. Räumlich strikt getrennt, seelisch durchaus verwandt, werden jetzt Künstler und Sammler präsentiert. Was er - offensichtlich gut beraten - im europäischen Handel erworben hat, wird rein als Kunst in Vitrinen, edel vor bunten Wänden und Einbauten, dargeboten. Ethnologen mögen mit den Hintergrundinformationen weniger zufrieden sein, das Wichtigste aber wird in Kürze mitgeteilt.<BR><BR>Monumentalen Formen gab Baselitz den Vorzug. Ornamentierte Gedächtnisstelen mit unglaublich charaktervollen Gesichtszügen machen neben anderen, mannshohen, schlanken, flachen Skulpturen den Auftakt. Ähnlich berückend die Objekte für Schutzzauber und Wahrsagung aus Zentralafrika, ein kleines Sammelsurium an Material- und Formenreichtum, die den Kontakt mit dem Jenseits plastisch veranschaulichen. Als Krönung dieses Raumes ein hochrangiger Gründer der Lengola im Kongo, eine Steckfigur mit erhobenen Armen, von der weltweit nur fünf Exemplare existieren. Was weitgehend fehlt, sind die sonst so beliebten Masken. Was reichlich vorhanden ist, sind Fetische, in die magische Substanzen integriert sind. Die Zauberfigur Nkisi aus dem Kongo trägt ein riesiges Horn auf dem reduzierten Gesicht, das die energiegeladenen Materialien enthält.<BR><BR>Bei den Teke aus dem Kongo tragen die Figuren ihre Kräfte im Bauch, in regelrechten Packungen, die sich weit auswölben. Die Hohlräume werden gefüllt, Bildhauer und Medizinmann arbeiten hier eng zusammen und erzeugen für westliche Augen ein doch ungewöhnliches Figurenbild. Dieser Bruch mit unserer Ästhetik faszinierte Baselitz so, dass er seinen Schwerpunkt darauf verlegte.<BR><BR>Die Faszination des Wilden mag dann bei einem Nagelfetisch aus der Mitte des 19. Jahrhunderts durchgeschlagen haben. Völlig unbekannt dagegen dürften den meisten die Ahnenfiguren der Bwende und Bembe sein: Die Leichen bedeutender Clan-Ältester oder Dorfoberhäupter wurden monatelang über einem Feuer getrocknet, dann in zwei bis drei Meter große Stoffpuppen eingenäht und aufrecht bestattet. Die kleineren Kopien davon dienten samt Reliquien für persönliche Andachten und Ratschläge. Die Kreuzigungsgeste ist der Hinweis auf die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Und so zeigen nun ockerfarbene, tätowierte, absolut reduzierte, teils zähnefletschende Puppen eine ganz jenseitige Formensprache.<BR><BR>Das Geheimnis der hölzernen Körper der Bembe entdeckte 1967 ein Musikwissenschaftler: Es sind Trompeten, die zu feierlichen Anlässen geblasen werden. Neben derlei Entdeckungen liefert die Sammlung noch klassisch schmale Formen nigerianischer Schutzgeister, hübsch bunt gemusterte Grabfiguren, Skulpturen mit erstem westlichen Einfluss. Die Schwerpunkte jedoch liegen auf dem immer wieder Außergewöhnlichen der afrikanischen Kultur, die seit über hundert Jahren Europa auf stets andere Weise in ihren Bann schlägt.</P><P>Bis 16. November, Katalog: 25 Euro.<BR></P><P> </P>

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