Auf Kontrast getrimmt

- Ein schwarzlockiger Feuerkopf sprang ans Pult des Bayerischen Staatsorchesters und vertrat beim ersten Akademiekonzert der Saison den erkrankten André Previn. Überraschung und Herausforderung sowohl fürs Publikum wie für die Beteiligten. Denn Gustavo Dudamel, der 24-jährige Venezuelaner, steuerte mit hitziger Gestik die Extreme an. Sowohl in der Dynamik wie in den Tempi.

Zweifellos ist der sympathische Bursche, der 2004 den Gustav-Mahler-Wettbewerb der Bamberger Symphoniker gewann und sich im Dunstkreis von Rattle, Abbado und Barenboim bewegt, ein echtes Talent. Und kühn, wie man es wohl nur in seinem Alter ist, übernahm er - ohne Partitur! - ein schwieriges Programm: Mozart und Beethoven. Zwei Katalysatoren, an deren Werken sich gnadenlos offenbart, wie es um einen Musiker bestellt ist.

Dank seines Temperaments kam Dudamel mit Beethoven besser zurecht. Dessen vierte Symphonie war zwar auch zwischen die Extreme gespannt, hielt dem aber mit wild auffahrender Dramatik in den Ecksätzen, einem deftig polternden Menuett samt zartem Bläsertrio ganz gut stand. Im beinahe gefährlich langsamen Adagio bewies Dudamel durchaus analytische Ansätze. Atmen lässt er die Musik indes nicht.

Das tat Mozarts "Figaro"-Ouvertüre und der 39. Symphonie in Es-Dur nicht sonderlich wohl. Auch wenn das mit Aushilfen durchsetzte Staatsorchester (der Haupttross war wegen des Japan-Gastspiels noch nicht verfügbar) in den rasanten Tempi tapfer mithielt, blieb vieles zu plakativ, zu einseitig auf Kontrast getrimmt. Die Bläser schmetterten (schon in der Ouvertüre) ungebremst, die Streicher zirpten zuweilen fast unhörbar. Dass im transparenten Andante con moto Mozarts Modulationskunst dann doch fein aufgefächert aufschien, erfreute und ließ zugleich hoffen.

Gustavo Dudamel sollte sich nicht verbrennen, sondern verschnaufen und sich Zeit lassen zum Lernen. Das Publikum, das ihn herzlich beklatschte, wird ihn neugierig weiter beobachten.

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