Kontrollierter Kinderschrei

- Sein Bayreuther Debüt als Tannhäuser brachte Glanz ins dortige Sänger-Mittelmaß: Stephen Gould, der aus dem US-Staat Virginia stammt und seine Karriere in Europa startete, gilt als die Hoffnung im Heldentenor-Fach. 2006 wird er im Wagner-Mekka den Siegfried im neuen "Ring des Nibelungen" singen, bereits ein Jahr zuvor ist er an der Bayerischen Staatsoper zu erleben - als Erik in Peter Konwitschnys Inszenierung des "Fliegenden Holländers".

<P>Woher sprechen Sie eigentlich so gut Deutsch?<BR><BR>Gould: Es kam alles so plötzlich. Ich sang in Europa vor, dachte, die nehmen mich nicht gleich. Doch sofort war ich in Linz engagiert. Ich hatte nur sieben Wochen, um mein ganzes New Yorker Leben zu beenden. Also studierte ich mit Sprachkurs-Kassetten. Aber keiner sagte mir, dass Oberösterreichisch eine ganz andere Sprache ist! Jetzt lebe ich in Wien, es ist meine Lieblingsstadt - auch wenn ich meine Wohnung dort kaum nutze.<BR><BR>Wie lernen Sie die deutschen Partien?<BR><BR>Gould: Erst mache ich mir selbst eine wörtliche Übersetzung, weil ich die Bedeutung jedes einzelnen Worts wissen will. Dann suche ich nach größeren Sinn-Zusammenhängen. Und wenn ich die Musik memoriert habe, gehe ich zu einem Coach.<BR><BR>Sie sind Spezialist für besonders heikle Partien. René´ Kollo sagte einmal, der erste "Tannhäuser"-Aufzug sei das Schwierigste überhaupt. Auch für Sie?<BR><BR>Gould: Er hat vollkommen Recht. Der erste Aufzug ist Wahnsinn, sehr lyrisch, sehr hoch, kein Moment zum Ausruhen. Man muss sehr gut disponieren. Wenn ich am Ende einer Oper merke, dass ich die Kopfstimme nicht mehr einsetzen kann, war etwas falsch.<BR><BR>Philippe Arlauds Bayreuther Inszenierung ist durch Sie deutlich belebt worden. Sind Sie von Natur aus spielfreudig?<BR><BR>Gould: Ich habe viele Jahre als Bariton in Musicals gesungen. Und dabei habe ich gelernt, dass es dem Singen hilft, wenn ich meinen ganzen Körper benutze. Jetzt ist Wagner für mich fantastisch, diese Einheit von Text, Musik und Spiel - die auch hässliche Töne erlaubt.<BR><BR>Ist Ihnen die Person Tannhäuser sympathisch? Immerhin verlässt er Elisabeth und zieht zu Venus.<BR><BR>Gould: Das liebe ich ja an diesem Charakter, dieses "Dazwischensein". Und das hängt vielleicht mit meiner Vergangenheit zusammen: Mein Vater war ein Methodisten-Lehrer. Ich bin in einer relativ konservativen Familie aufgewachsen. Als Jugendlicher habe ich mich dagegen aufgelehnt. Also war auch ich zwischen zwei Welten, habe mich immer gefragt: Was ist wirklich Leben? Was ist Liebe? Ich verstehe Tannhäusers Kampf. Er ist ein ehrlicher Mensch in dieser seltsamen Wartburg-Welt. Im Grunde sucht er doch nur nach Wahrheit. Würde die Oper länger dauern, wäre nach fünf Jahren auch Wolfram im Venusberg.<BR><BR>Waren Ihre Eltern mit der Entscheidung für den Sänger-Beruf einverstanden?<BR><BR>Gould: Es gab überhaupt keine Probleme. Meine Mutter war Musiklehrerin, mein Vater sang in der Kirche - und hat zweimal mehr Stimme als ich. Daheim haben wir zusammen musiziert. Nicht dass ich meine Eltern gehasst hätte, aber in meiner Kindheit war es immer so: Wenn meine Mutter mich wecken wollte, setzte sie sich im Nebenzimmer ans Klavier und spielte alle möglichen Guten-Morgen-Lieder. Dann kam mein Vater ins Zimmer, sang: "O, what a beautiful morning!" Sehr, sehr lästig.<BR><BR>Arbeiten Sie noch immer mit einem Gesangslehrer?<BR><BR>Gould: Oh ja, er hat mich gemacht. Als ich John Fiorito vor sieben Jahren traf, hatte ich eine komplett falsche Technik. Daher konnte ich nur Musical singen. Nach zweijährigem Studium hatte er auf einmal irgendetwas in meiner Stimme gehört. Er sagte: "Moment mal." Und holte den Klavierauszug von "Lohengrin", bat mich um "Mein lieber Schwan". Und ich entdeckte in mir dieses Squillando, diesen schmetternden Ton, wie ein kontrollierter Kinderschrei. Von da an ging es Richtung Wagner.<BR><BR>Sie übernehmen 2006 erstmals den Siegfried - und dann gleich in Bayreuth. Ein Wagnis?<BR><BR>Gould: Viele Leute sagten: "Bist du deppert? Dein erster Siegfried dort?" Aber warum sollte ich mich an einem kleinen Haus ausprobieren? Mit einem unerfahrenen Dirigenten? Mit einem Orchester, das nur laut spielt? Hier habe ich Christian Thielemann, ein fantastisches Orchester und eine wunderbare Akustik. Als ich mit Tannhäuser debütierte, habe ich das alles gar nicht richtig realisiert. Erst als der Vorhang zuging, dachte ich mir: "Mein Gott, es ist Bayreuth!" Ich habe beim Siegfried nicht Angst davor, dass mir die Kondition ausgeht, nein, es ist sooo viel Text! Woran ich noch denke: Der Zeitraum ist nicht so lang, in dem man Siegfried singen kann. Wenn ich mit ihm anfange, bin ich 44. Mit 55 schaffe ich ihn vielleicht nicht mehr.<BR><BR>Haben Sie eigentlich früher schon einmal am Grünen Hügel eine Aufführung besucht?<BR><BR>Gould: Wo sollte ich denn die Karte herbekommen haben? Man muss einfach hier singen, damit man die Vorstellungen erleben kann.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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