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Visuelles Feuerwerk zu Ehren des größten Pop-Stars des Planeten: Szene aus der Giga-Show des Cirque du Soleil.

Konzert aus dem Jenseits

München - Ein Tribut an den King of Pop: Im November kommt der Cirque du Soleil mit seiner „Michael Jackson – The Immortal World Tour“ nach München.

Was ließe sich nicht alles über Michael Jackson erzählen, den wohl erfolgreichsten Solo-Künstler, den dieser Planet je erlebt hat. 750 Millionen Tonträger hat er zu Lebzeiten verkauft – so viel wie kein anderer Musiker. Geschätzte 300 Millionen Dollar hat er für wohltätige Zwecke gespendet – so viel wie kein anderer Musiker. Und wohl um keinen anderen Popstar ranken sich so viele Geschichten, Gerüchte und vermeintliche Skandale.

Bald sind es drei Jahre, dass der „King of Pop“ kurz vor dem Start seiner „This-is-it“-Tour 50-jährig verstarb. Am 25. Juni 2009 wurde er in Los Angeles mit einer Überdosis des Narkosemittels Propofol in eine Klinik eingeliefert. Sein Leibarzt Conrad Murray hatte es ihm verabreicht, weil der Star unter Schlaflosigkeit litt. Murray wurde später wegen fahrlässiger Tötung zu vier Jahren Haft verurteilt. Es war der letzte Paukenschlag einer Karriere, die als Siebenjähriger mit den „Jackson Five“ begann und am Ende einen Michael Jackson sah, der körperlich und psychisch offenbar nicht mehr Schritt halten konnte mit seinen Träumen.

Der Cirque du Soleil hat sich nun aufgemacht, das musikalische Erbe des King of Pop zu verkünden. Die „Michael Jackson Immortal World Tour“, die am 24. und 25. November auch in der Münchner Olympiahalle Halt macht, hat dabei keine biografischen Ambitionen. Es ist eine Musik-Show, gepaart mit Tanz, Akrobatik und viel Pathos um Michaels Botschaften von Liebe, Glück und Frieden.

Bereits im Dezember hatte die Show Premiere in Las Vegas. Sin City, die Stadt der Sünde, dieses Mal also im Dienst der guten Botschaft. Es ist zweifellos eine gewaltige Show, die Autor und Regisseur Jamie King auf die Beine gestellt hat – eine Materialschlacht mit 1400 Kostümen und 64 Artisten aus 15 Ländern. 45 Trucks werden laut Cirque du Soleil nötig sein, um den Tross quer durch Europa zu karren. Jamie King kannte Michael Jackson persönlich. Auf der „Dangerous Tour“, die 1992 in München startete, begleitete er ihn als einer von vier Haupttänzern.

Für das musikalische Arrangement holte er Kevin Antunes an Bord, der mit Größen wie Justin Timberlake, Madonna und Michaels Schwester Janet Jackson gearbeitet hat. Antunes Meinung über den King of Pop ist eindeutig: „Michael war immer dynamisch. Er war der beste Entertainer aller Zeiten, bei Komposition, Gesang, Tanz, Choreographie, Video und Produktion.“ Und: „Michael war ein wunderbarer Mensch.“

Genau das hat Jamie King bei der „Immortal World Tour“ zum Leitmotiv gemacht. Michael, der Entertainer, Michael, der Botschafter, Michael, der Gutmensch. Verkünden darf all dies – der King of Pop selbst. Auf riesigen Videoleinwänden (insgesamt 500 Quadratmeter) fegt er unermüdlich durch die Show. Die Macher haben dafür Berge an Videos und Masterbändern durchforstet. Michael tanzt, singt, erzählt, ist omnipräsent. Die „Immortal World Tour“ ist kein Posthum-Musical, auch kein Versuch, ein Leben nachzuzeichnen. Sie ist vielmehr ein Pop-Konzert aus dem Jenseits.

Manchmal ist Michael sogar leibhaftig auf der Bühne unterwegs, als riesige Marionette zum Beispiel, die der Welt in einem Heißluftballon ein großes rotes Herz bringt, oder als kleiner Junge in einer Parodie auf die Jackson-Five-Zeiten, mit piepsiger Stimme und Stars-and-Stripes-Schlaghose. Für all die Hiphopper, Tänzer, Schlangenfrauen und Luftakrobaten, die mit ihrer Kunst die Bühne beackern, bleibt da zwangsläufig nur die Nebenrolle.

Nebensächlich bleibt auch die Geschichte, die Jamie King gestrickt hat. Sogenannte „Fanatics“ versuchen, nach „Neverland“, Jacksons fantastische Ranch in Kalifornien, zu gelangen. Ein halbes Dutzend Hits später öffnen sich ihnen tatsächlich die goldenen Tore. In Neverland werden sie von Michaels „Spirit“ erfüllt, dann gerät die Welt beim „Earth Song“ und „Scream“ ins Wanken. Plötzlich steht die große Eiche, auf die Michael immer geklettert sein soll, um Songs zu schreiben, in Flammen – ehe Artisten mit Dutzenden roten Herzen im Publikum auftauchen und Michaels Geist heraufbeschwören. Mit „Man in the Mirror“ und Michaels Forderung nach einer besseren Welt endet die Show.

All dies erschließt sich dem Zuschauer, der kein erklärendes Programmheft zur Hand hat, eher schwer. Dennoch werden Michael-Jackson-Fans und solche, die es noch werden wollen, auf ihre Kosten kommen. Denn am Ende ist alles Musik, und Jamie King hat mit der Zusammenstellung der Band ein ziemlich gutes Händchen bewiesen. Zwölf Musiker rocken die Bühne, darunter fünf, die den King of Pop schon auf seinen Tourneen begleitet haben. Und sie machen das so grandios, dass das Publikum schon mal schrilles „Michaaael“-Gekreische provoziert.

Fans des klassischen Cirque du Soleil sollten freilich mit einer etwas anderen Erwartungshaltung in die Show gehen. Die „Immortal Tour“ bietet zwar ein Maximum an Kostümen, Bühnenbild und optischen Effekten, die Artisten kommen aber zum guten Teil aus der tänzerischen Ecke, große Akrobatik ist Mangelware. Das visuelle Feuerwerk macht es mitunter auch schwierig, dem Dreiklang aus Artisten, Band und Videos zu folgen, gerade, wenn man seitlich der Bühne sitzt.

Vermutlich wird es eine etwas andere Show sein, die der Cirque du Soleil in München präsentiert. Für die Premiere im „Mandalay Bay“ in Las Vegas musste das Programm mächtig gekürzt werden, weil die Show dort nachmittags und abends läuft, was sichtbar auf Kosten des Gesamtkonzepts ging. Bei der Europa-Tournee könnte das besser werden. Da gibt es nur eine Abendshow.

Wolfgang Hauskrecht

Aufführungen

am 24. und 25. November in der Münchner Olympiahalle; Karten ab jetzt an allen bekannten Vorverkaufsstellen.

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