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Idealzustand: Die Münchner Philharmonie, einmal gefüllt.

Das Konzert - ein überholtes Ritual?

München - Mit dem BR-Debüt von Simon Rattle startet am kommenden Donnerstag Münchens Konzertsaison. Ausverkauftes Haus dürfte garantiert sein. Doch manch Veranstalter klagt über Besucherschwund: das klassische Konzert, ein aussterbendes Ritual also?

Am pessimistischsten ist wieder einmal Nikolaus Harnoncourt. In spätestens 25 Jahren, so unkt der Großmeister der historischen Aufführungspraxis gern, sei doch das traditionelle Konzert inklusive Abo-System passé. Und wer Münchens Säle besucht, der beobachtet eines: Ausverkauft sind Herkulessaal, vor allem Philharmonie fast nur noch, wenn die Chefs Mariss Jansons und Christian Thielemann oder ein gastierender Star am Pult stehen. Oder wenn das Programm mit einem Werk aus dem Schlager-Angebot à la Beethoven und Brahms lockt.

Immer mehr, so befürchtet mancher, wird das Konzert zum hermetisch abgeriegelten Ereignis eines schwindenden Kreises. Die Insassen: jene Vereinigung der oft grauhaarigen Besucher, die von Soziologen ironisch als „Silbersee“ tituliert werden. Was bedeutet: Der übergroßen Mehrheit muss die Angst vor der Klassik ausgetrieben werden.

Beim Schwellenabbau sind die Veranstalter mittlerweile findig und fündig geworden. In München zum Beispiel lockt das Münchener Kammerorchester mit dem „Concert Sauvage“, bei dem nur der Termin, nicht aber das Programm verraten wird (wieder am 24. Februar). Die Münchner Philharmoniker bitten am 14. Dezember zum „Kindergartenkonzert“ in die Philharmonie, das BR- Symphonieorchester lädt im Rahmen der „Classic Hour“ junge Besucher zur Begegnung mit Musikern und Dirigenten.

Ausgefalleneres gibt es andernorts. Schon vor einiger Zeit hat zum Beispiel Ingo Metzmacher beim Deutschen Symphonieorchester Berlin das „Casual Concert“ entwickelt: Für 15 Euro bei freier Platzwahl treffen sich Musiker und Publikum in lockerer Straßenkleidung und danach zur „After Concert Lounge“. Berlin ist auch der Schauplatz, wo „Klassik in der Großraumdisco“ dröhnt. Und einige Wochen lang tourte gerade ein Klang-Zug durch Deutschland, der von der Bundeskulturstiftung gefördert wurde und für die Moderne warb.

Gemeinsam ist allen diesen Aktivitäten eines: Sie misstrauen der Anziehungskraft des traditionellen Konzerts. Hier das Orchester im Pinguinlook, dort das schweigende, allenfalls hustende Publikum, das hält auch Kulturforscher Martin Tröndle von der Zeppelin Universität in Friedrichshafen für ein Auslaufmodell. „Wir müssen das Konzert verändern, wenn wir es erhalten wollen“, meint er. Das Klassik-Publikum, so befürchtet Tröndle, werde in den nächsten Jahrzehnten aussterben. Ursache sei weniger die klassische Musik selbst, sondern ihre Darbietungsform. Tröndle hat mit seiner Studie über den Niedergang des Konzert- und Opernwesens kürzlich Aufsehen erregt - und fast ebenso viel Kritik. Schwarzmalerei werfen ihm viele vor, auch Realitätsblindheit. Tatsache ist: Ob vor einigen Jahren Dortmund oder Essen und demnächst Hamburg: Es werden neue Konzertsäle gebaut. Überdies scheint die Zahl der Konzerte gestiegen. Also doch keine Klassikdämmerung?

„Ich weiß nicht, ob diese ungewöhnlichen Konzertformen ein tragfähiges Konzept für große Säle sind.“ Stephan Gehmacher, Manager des BR-Symphonieorchesters, gibt sich vorsichtig - zumal er mit der Schwarzseherei in Sachen Klassikmarkt ohnehin wenig anfangen kann. Was er für erstrebenswert hält: dass sich Solisten oder Dirigenten öfter an ihr Publikum wenden. „Wenn es Interpreten gibt, die das gut können“, sei ein solcher Brückenschlag - vor allem bei neuer Musik - durchaus erfolgreich. Eine Lösung, um das Konzertritual aufzubrechen, wäre damit also eine zusätzliche Personalisierung.

Und da reichen oft drei, vier Sätze, um das Publikum aus der passiven bis abwesenden Haltung zu holen. Ingo Metzmacher tut das regelmäßig, Kollege Gerd Albrecht ist berühmt und begehrt für seine Gesprächskonzerte, selbst der (in dieser Sache zu scheue) Mariss Jansons hat einst vor seinem Münchner Schostakowitsch-Zyklus kurz erläutert, warum ihm dieser Komponist so am Herzen liegt.

Auf keinen Fall, so BR-Manager Gehmacher, dürfe man „wie ein Traditionsverein“ erscheinen - womit vor allem zeitgemäßes Marketing gemeint ist. Aber auch bei der Programmwahl müsse man sich nicht an den Standard Ouvertüre - Solistenkonzert - Symphonie klammern. Warum also nicht dem Publikum ständig eine Portion Moderne unterjubeln?

Gemessen an Projekten in anderen Städten und abgesehen von der löblichen Jugendarbeit wirkt das typische Münchner Klassikkonzert jedenfalls verstaubt. Vielleicht auch, weil man hier auf eine fast jahrhundertelange Tradition vertrauen durfte: Wo Musik zum täglichen Leben gehört, wo BR oder Philharmoniker auf ihren Abo-Stamm bauen, musste man sich kaum um Innovationen kümmern. Ein Ideen-Stillstand, der sich bald rächen könnte.

Doch neben programmatischen Neuerungen und pfiffigen Konzertstrukturen müsse man auch anderes bedenken, sagt Stephan Gehmacher: „Was bei Museen selbstverständlich ist, sollte auch für uns gelten: Wie gut sind wir auffindbar? Klassische Musik muss in Zeiten des Überangebots an einem populären Standort erlebt werden können.“ Mit der Berliner Philharmonie gelang das perfekt, der Hamburger Elbphilharmonie wird Bestes prognostiziert. Nur: Wer empfindet den mausgrauen Herkulessaal oder die akustisch schaurige Philharmonie schon als Kult-Ort für die Kultur?

Von Markus Thiel

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