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Rund 300 Demonstranten protestierten am Mittwochabend vor dem Gasteig gegen Gergiev und Putin.

Demo von Homo-Aktivisten

Kritik: Gergiev dirigiert die Philharmoniker

München - Proteste von Homo-Aktivisten draußen, dürftig geprobter Strawinsky drinnen: Valery Gergiev, gegen den sich die Demo richtete, dirigierte die Münchner Philharmoniker.

Mag sein, dass man sich in München nun an einiges gewöhnen muss. An Proteste vor der Philharmonie wie am Mittwochabend. An Security-Männer, die durch die Foyers streifen und wachsamen Blickes ins Publikum rechts und links unten an den Saaltüren postiert sind. Und an einen Probenplan, der kaum geeignet ist, schwere Programme befriedigend vorzubereiten: Noch um 19 Uhr, eine Stunde vor Konzertbeginn also, wurde ein Stück durch eine neu angesetzte Generalprobe gehetzt.

Immerhin wurde draußen schlechter gesungen als drinnnen, allerdings mit Ironie – und mit naturbedingt noch größerem Probendefizit. Rund 300 Demonstranten, aufgerufen von der Rosa Liste, hielten den Konzertgängern Anti-Gergiev- und Anti-Putin-Plakate entgegen. Ein bisschen böse Kritik, ein bisschen Happening. Es gab zornige Reden, eine Putin-Puppe, die auf einem Transparent herumtrampelt, und den beziehungsreichen Gefangenenchor aus Verdis „Nabucco“, schön schräg intoniert.

So wirkt Musik auf unseren Körper

So wirkt Musik auf unseren Körper

Drinnen bekamen die bulligen Männer in grauen Anzügen nichts zu tun. Keine Proteste, als Valery Gergiev das Podium betrat, nicht einmal ein Buh. Hier durfte die Musik ganz bei sich sein – wobei neben Gergievs Eiertänzen um die Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin eine weitere, für München vielleicht noch entscheidendere offene Flanke des Stars deutlich wurde.

Erste Probe Montag, 16 Uhr, manche Stücke nur einmal durchgespielt, und das bei einem höllisch schweren Programm mit Werken von Igor Strawinsky, das kann nicht gut gehen. Ging es auch nicht. Was das Programmheft übrigens verschweigt: Um den Philharmonischen Chor zu verstärken, wurde auf Wunsch Gergievs ein (nicht genannter) bulgarischer Männerchor eingekauft – teurer Rettungsversuch aus dem Osten?

Die Stücke: allesamt Schlüsselwerke nicht nur Strawinskys, teilweise auch der musikalischen Moderne, daher prinzipiell lohnend für eine solche Konzertbegegnung. „Le Roi des Étoiles“ (Der König der Sterne) besingt mit Männerchor und Orchester das Jüngste Gericht. Und zu erleben war, welch knifflige Intonationsarbeit Strawinsky verlangt – und wie oft man das alles auch knapp verfehlen kann.

Besser gelang zuvor die Tanzszene „Les Noces“ über eine russische Hochzeit, hier als konzertante Kantate vorgeführt. Text und Thema deuten auf Freudvolles hin, Strawinsky treibt das Geschehen mit ostinaten Rhythmen, homophonem Chor-Deklamieren und verschobenen Akzenten fast in eine Vermählungspanik. Großer Chor, vier Klaviere und Schlagwerk, eine skelettierte Musik, die einen offensiven Zugriff und nicht nur Zählarbeit verlangt. „Philharmonischer“ Chor und Instrumentalsolisten schlugen sich hochrespektabel, von Gergiev mit kleinen Zeichen gelotst. Und doch blieb da ein anderer Eindruck, der des lediglich Bewältigten, leidlich Absolvierten. Zwischen Erfüllung des Notentextes und Interpretation kann manchmal ein ziemlich großer Graben klaffen.

Strawinskys „Bläsersymphonie“ am besten

Am besten gelang noch Strawinskys „Bläsersymphonie“. Musikalische Fratze und Klangbewusstsein, Letzteres eine Tugend der Philharmoniker, verband sich da aufs Aufreizende. Und was als Rausschmeißer gedacht war, wurde das größte Problem des Abends. Gerade Strawinskys kompletter „Feuervogel“ (nicht die im Konzert übliche Suite) verlangt schon etwas mehr an Deutungs- und Reflexionsarbeit als bei Gergiev gehört. Stattdessen war man auf Unfallvermeidung bedacht. Gern touchierte das Ensemble die Leitplanken der Partitur, leistete sich auch rumpelnde Fahrten übers Bankett, Gergiev griff kaum helfend ein. Die Münchner Philharmoniker spielten meist auf Durchkommen, im bekannten, imponierend gesteigerten Finale wieder auf vertrautem Terrain. Danach einige Bravi, doch das ist dem Stückschluss quasi „eingebaut“.

Ein ernüchternder Abend also. Und ein kleines Versöhnungssignal des umstrittenen Dirigenten an seine Kritiker. „Für die Stadt München gilt, dass jede Ausgrenzung, Benachteiligung oder Belästigung von Menschen aufgrund Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Religion, Behinderung oder sexueller Identität unterbleibt. Verhaltensweisen, die diesen Grundsätzen widersprechen, werden nicht toleriert“, ließ Valery Gergiev vorher in einem offenen Brief verbreiten. Darüber hinaus wolle er bei einem seiner nächsten Aufenthalte (im Juli ist er wieder da) in München „ein Gespräch mit der Community“ führen. Das sollte allerdings nicht zu lang ausfallen. Probenzeit kann ja, wie man gerade hörte, unbezahlbar sein.

Weitere Aufführung

Freitag, 20 Uhr;

Telefon 089/ 54 81 81 81

Von Markus Thiel

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