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Iggy Pop bei Rockavaria.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Konzertkritik zu Iggy Pop bei Rockavaria: Der unverwüstliche Punk-Pate

München - Drei Akkorde für ein Halleluja, seine Lederjacke fliegt recht plötzlich in die Ecke und der Songauswahl nach will er München nur Gutes tun: So war die Iggy-Pop-Show bei Rockavaria.

Es gibt da diesen Part von Henry Rollins' Spoken Word Tour, in der der Black-Flag- und Rollins-Band-Chef, Schauspieler und Schriftsteller sein ambivalentes Verhältnis zu Iggy Pop beschreibt. Einerseits ein glühender Verehrer und Bewunderer des Punk-Paten, berichtet er auf höchst amüsante Art und Weise von seinen jahrelangen Versuchen, sich am Meister zu messen – und ihn in Sachen "Bühnenexzesse" vielleicht sogar zu übertreffen. Dass der Monolog nichts anderes als ein Protokoll des Scheiterns wird, ist von Anfang an klar. Niemals würde Henry Rollins an der Legende "Iggy Pop" rütteln.

Was den durchtrainierten Ober-Schreihals offenbar am meisten wurmt: Nicht nur, dass sich Iggy Pop mit ein paar Jährchen mehr auf dem Zähler als körperlich überlegen erweist, nein, es ist der Unterschied zwischen dem echten James Osterberg und der Bühnenperson Iggy Pop: Während sich Osterberg als überaus freundlicher, zuvorkommender Gentleman erweist, der vom Bühnenhelfer bis zum Tourleiter die Hand zum Gruß reicht, zerlegt Iggy Pop binnen Minuten die Bühne, wirft im Wahn wahllos mit Verstärkern um sich und schont weder sich noch seine Songs zugunsten einer explosiven Bühnenshow.

Eine sehr schöne Fügung, dass Meister und Schüler nun beim Rockavaria zusammentreffen: Rollins fungiert als Erzähler beim gar nicht so stummen "lautesten Stummfilm der Welt", "Gutterdämmerung", der vor Iggy Pops Deutschlandpremiere feiert. Darin treten sie in gewisser Weise auch als Gegenspieler auf: Iggy Pop in der Rolle des so gelangweilten gefallenen Engels und Rollins als rechtschaffener Prediger. Im Vorfeld Stoff für eine unerquicklichen Debatte darüber, ob ein Festival überhaupt der richtige Ort ist, um einen Film zu zeigen, gab der von einer Live-Band Leinwand begleitete, Trash-Musikfilm von Visual-Künstler Bjorn Tagemose wenig Grund zur Kritik. Vor allem die musikalischen Zitate von Rockklassikern von Jefferson Airplane, Motörhead oder Johnny Cash und die zahlreichen Gastauftritte von Lemmy Kilmister, Slash oder Nina Hagen rechtfertigen ihn, auch wenn die Stimmung im Stadion an Fahrt verliert.

Kein Problem für Mister Osterberg. Der verwandelt sich innerhalb von genau zwei Minuten in das Bühnenmonster Iggy Pop und legt beherzt nahe, wieso er verdammt noch mal der Godfather Of Punk ist und bis auf weiteres zu bleiben gedenkt. Zwar baut er keinerlei Mobiliar mehr ab, wirft aber sein Mikrostativ durch die Gegend und springt in einer Art und Weise herum, wie es sich nur für die wenigsten Fast-Siebzigjährigen geziemt. Drei Akkorde für ein Halleluja, seine Lederjacke fliegt recht plötzlich in die Ecke und der Songauswahl nach will er München nur Gutes tun: I Wanna Be Your Dog, The Passenger, Lust for Life, Sweet Sixteen, 1969, Nightclubbing und später das überragende Search And Destroy versetzten die proppenvolle Arena ordentlich in Bewegung. Dabei klingen die Songs, die in für popkulturelle Verhältnisse ewigen 40 Jahren entstanden sind, erstaunlich homogen - und zeitlos.

Der Meister zeigt sich volksnah, kommt von der Bühne gesprungen und reicht der ersten Reihe die Hand. Kurz und gut: Dieser, nach dem Weggang von Lemmy Kilmister nächste Gesichtsälteste des Rock, hat München einen großen Abend geschenkt.

Christoph Ulrich

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