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Konzertkritik

Mariah Carey: Ausnahme-Stimme und enttäuschende Show

München - Obwohl sie 13 Jahre lang nicht mehr in Europa tourte, scheinen sie nicht allzu viele Fans vermisst zu haben: Bei Mariah Careys Münchner Comeback blieb die Olympiahalle halb leer.

Wenn es im Wörterbuch Bilder gäbe, dann stünde neben dem Wort „Pop-Diva“ vermutlich ein Foto von Mariah Carey. Wie eine Diva inszenierte sie sich auch bei ihrem Auftritt in der Münchner Olympiahalle: Sie ließ ihre Fans lange warten (19:30 Uhr stand auf der Eintrittskarte, um 21:18 Uhr ging’s los), und sie ließ sich zu den Klängen ihres Nummer-eins-Hits „Fantasy“ von sechs knackigen Tänzern mit Sixpack und geöffneten Glitzerjacken auf die Bühne tragen – drapiert auf einer mit rotem Samt bezogenen Chaiselongue, ausstaffiert mit einem Zepter in Form eines güldenen Mikrofons und eingenäht in ein hautenges Glitzertrikot, wirkte sie dabei wie eine Mischung aus Cleopatra und einer Eiskunstläuferin der Achtzigerjahre.

Noch immer verströmt sie eine majestätische Aura, doch für die einstige Soulpop-Queen sind die Jahre der Regentschaft offenbar vorbei: Nur 4500 Zuschauer verlieren sich in der halbleeren Arena. Obwohl Mariah Carey 13 Jahre lang nicht mehr in Europa auf Tour war, scheinen sie nicht allzu viele Leute vermisst zu haben.

Dabei beweist die Ausnahmesängerin schon mit dem zweiten Lied „Emotions“, dass ihre berühmt-berüchtigte Fünf-Oktaven-Stimme auch nach zweieinhalb Jahrzehnten kaum etwas von ihrem Glanz eingebüßt hat: Sie strahlt kräftig, sie gurrt honigsüße Schmeicheleien, sie schwingt sich von rauen Tiefen hinauf in glockenhelle, schwindelerregende Höhen – und erreicht im Pfeifregister mühelos den Frequenzbereich eines Wasserkessels. Ihre eindrucksvolle, extravagante Vokalakrobatik ermuntert indes Spekulationen über die evolutionäre Funktion dieser unfassbar hohen Töne: Dienten sie einst dazu, Männchen anzulocken? Oder eher dazu, sie abzuschrecken? In der Olympiahalle ist die Reaktion eindeutig: Die blitzsaubere Ton-Jonglage wird heftig bejubelt.

Schade nur, dass die Qualität der Show nicht mit dieser Wahnsinnsstimme mithalten kann. Die sechs wandelnden Sixpacks hüpfen nervös mit Flaggen, Bilderrahmen oder Fotoapparaten auf der Bühne herum – in einer reichlich fahrigen und sinnfreien Choreografie mit antiquierten Neunzigerjahre-Moves, die an eine Boygroup-Parodie erinnern. Fünf Musiker und drei Backgroundsänger präsentieren sich routiniert, aber (insbesondere bei einem lieblosen R&B-Medley) nicht immer geschmackssicher: Da treffen bügelfreie Grooves und plumpe Beats, bei denen dem Zuhörer die Beine einschlafen, auf schmalzigen Softsoul-Schmusesound und billiges Klinklang-Geplänkel, bei dem man bisweilen kaum glauben mag, dass die dargebotenen Songs aus den Jahren 1991 bis 2009 allesamt einmal Hits waren.

Dazu flimmern auf Leinwänden im Hintergrund entweder alte Mariah-Carey-Videoclips oder Bilder von Sonnenuntergängen, Schmetterlingen und Wasserfällen, die nicht mehr bieten als ein durchschnittlicher Windows-98-Bildschirmschoner. Zu „Always Be My Baby“ gibt es immerhin niedliche Videos von Careys vierjährigen Zwillingen.

Anders als bei anderen Künstlern dieses Kalibers sehen wir jedoch nie Liveaufnahmen vom Gesicht der Sängerin auf einem Großbildschirm. Das ist bedauerlich, weil sie dadurch stets weit weg bleibt, unnahbar, auf Distanz. Mit dem Fernglas kann man erkennen, dass sie durchaus ein reizendes, beinahe kindliches Lächeln zu bieten hätte – und eine nach wie vor natürliche Verspieltheit, die sich auch in ihren oft mehr gesungenen als gesprochenen Ansagen widerspiegelt. Doch all das bleibt fast vollständig verborgen hinter einer künstlichen Fassade, die gespickt ist mit unzähligen Pailletten, falschen Wimpern und ähnlichem Schnickschnack.

Alle paar Minuten verschwindet sie von der Bühne, um sich wieder in einen neuen Glitzerfummel zu zwängen. Das hemmt den Fluss und sorgt für Langeweile, wenn die Band wieder mal minutenlang ohne sie dahindümpeln muss. Dabei hätte es Mariah Carey als eine der erfolgreichsten Musikerinnen der Welt gar nicht nötig, auf sterilen Sexappeal irgendwo zwischen Barbie und Miss Piggy zu setzen. Wozu die viel zu engen Kostüme und die viel zu hohen Schuhe, in denen sie mehr stolpert als schreitet?

Am besten ist sie, wenn sie sich ganz auf ihre Gesangskunst konzentrieren kann: in zum Schmachten schönen Power-Balladen wie „Hero“ und „Without You“ oder dem oscarprämierten Duett „When You Believe“ – eine technisch beeindruckende und bewegende Begegnung mit ihrer verstorbenen Kollegin Whitney Houston, die auf der Leinwand in Bild und Ton ihre Auferstehung feiert. Als Mariah Carey jedoch schon nach knapp 75 Minuten auf Nimmerwiedersehen entfleucht, ohne Zugabe, fühlt sich das angesichts der gesalzenen Eintrittspreise für viele Besucher an wie ein unbefriedigender Interruptus.

Marco Schmidt

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