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Konzertkritik

Patti Smith auf dem Tollwood: Ein junges Ding von 68

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München - Kann das gehen – eine 68-Jährige Punk-Seniorin, so rotzig, so unbeugsam, so glaubwürdig wie einst mit 28? Wer Patti Smith bei ihrem mitreißenden Konzert im ausverkauften Tollwood-Zelt erlebte, der weiß: Es kann bestens gehen!

Da fegt eine ältere Dame über die Bühne, die mit ihren langen grauen Haaren an eine pensionierte Bibliothekarin erinnert. Mit dem Unterschied, dass die pensionierte Bibliothekarin üblicherweise keine Wut-Version von „My Generation“ brüllt, und dabei alle Saiten aus ihrer E-Gitarre reißt. Ein wildes junges Ding, die Smith, auch noch mit 68.

Seit zehn Jahren erfreut Patti Smith die Fans damit, ihren Album-Meilenstein „Horses“ in Gänze live zu spielen. 1975 erfand sie damit die Frau als selbstbewusste, selbst bestimmte Rockmusikerin. Die 43:10 Minuten der LP dauern auf dem Tollwood knapp eine Stunde – und die Musik ist atemberaubend wie eh und je. „Jesus died for somebody's sins, but not mine“ („Jesus ist nicht für meine Sünden gestorben“), Patti braucht genau eine Textzeile des Openers „Gloria“, um für Gänsehaut zu sorgen.

Danach stehen die Härchen das ganze Konzert über stramm wie Soldaten. Oh ja, Mrs. Smith ist immer noch ein Vollblut, schreit „Motherfucker“ und plaudert, gar nicht gschamig, über ihre Pinkel-Praktiken. Die Ohren hören 1975, die Augen sehen 2015, doch alles passt wunderbar und würdig zusammen. Bei „Elegie“, dem Stück für Jimi Hendrix, der damals noch kaum tot war, deklamiert sie die Namen all der verstorbenen Punks und Poeten. Darunter Johnny Ramone, Johnny Thunders, Joe Strummer – und Fred „Sonic“ Smith, ihr eigener Ehemann, der Vater ihrer beiden Kinder. Junge, Junge, wem es hier nicht das Herz zerreißt, der braucht einen Schrittmacher. Ein paar Hits („Privilege“, „Ain't It Strange“) legt sie obendrauf, nur „Because The Night“ spielt sie nicht. Muss sie auch nicht, denn es ist ohnehin klar: Dieser Abend, diese Nacht gehört Patti Smith.

Jörg Heinrich

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