BR-Symphonieorchester im Herkulessaal

Yannick Nézet-Séguin: Bruckner ohne Brüche

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München - Ein neues Hörerlebnis mit der Siebten: Yannick Nézet-Séguin dirigierte im Münchner Herkulessaal das BR-Symphonieorchester.

Eine dunkle Seite haben sie alle, diese Hits. X-mal aufgeführt, in jeden Partiturwinkel gekrochen: Wie um Himmels willen schaltet man also, liegt Bruckners Siebte schon wieder auf den Pulten, den Autopiloten bei Musikern wie denen des BR-Symphonieorchesters aus? Es spricht viel für Yannick Nézet-Séguin, dass er nicht nur den Knopf gefunden hat, nein: Sogar in München, das längst vor vor Anno Domini, also vor dem Erscheinen Sergiu Celibidaches damit begonnen hat, seine Bruckner-Tradition wie eine Monstranz vor sich herzutragen, kann sich das noch ereignen – eine Interpretation, die der Rezeption eine sehr feine Facette hinzufügt.

Es funktioniert, weil da ein Vielbeschäftigter (Philadelphia, Montreal, Rotterdam, bald New York) keine Lust aufs Imponiergehabe verspürt. Schon der Beginn: kein Raunen im Zwielicht, kein Klangweihrauch, der in den Herkulessaal kraucht, sondern ein Ertasten, eine Selbstvergewisserung, ein Vertrauen auf Melodie und Kantabilität – wobei Letzteres, wenn es denn ein Etikett sein darf, die ganze Aufführung bestimmt. Bruckner (in der Siebten bietet sich das schließlich an) wird bis auf den Finaldurchbruch nicht zum Monument aufgedonnert, ihm widerfährt vielmehr oft Ungehörtes: Eleganz und Noblesse, großbogiges Empfinden, keine Blockbildung, sondern eine vollkommene Natürlichkeit in den Übergängen.

Dabei nimmt Nézet-Séguin schon mal den Fuß vom Gas. Überraschenderweise etwa im Scherzo, sodass das Landler-Imitat unterbelichtet bleibt. Und auch stellt sich in der druckfreien Stunde die Frage: Ob da nicht vielleicht beschönigt wurde? Ob da nicht doch mehr Spalten und schlimmere Dinge klaffen, als Nézet-Séguin mit seinem geschlossenen System glauben machen will? Egal: So selbstverständlich, so logisch ist das Opus fast eine neue Erfahrung. Die Werke vor der Pause ohnehin. Opernarien von Schubert und Weber machen klar, aus welchen Welten sich Bruckner entwickelte. Nézet-Séguin hört hier ebenfalls in Finessen und Soli hinein, Anna Prohaska singt textorientiert und detailverliebt, kleine Manierismen sind die Folge. Die Musiker gehen hingebungsvoll mit, was auch an Nézet-Séguins Körpersprache liegt. Handwerk, Klarheit, dazu ein ständiger, so befeuernder wie kollegialer Energieaustausch mit dem Orchester, diese ideale Mixtur gibt es selten. Obwohl, das kennen Münchner Musikfreunde eigentlich: von Mariss Jansons.

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