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Gut gelaunt zur nächsten Station: Die Musiker und ihr Chefdirigent Mariss Jansons (stehend) auf dem Flug nach Montréal.

Gelächter und ein bisschen Wehmut

Konzertreise in Nordamerika: BR-Symphoniker begeistern North Carolina

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Chapel Hill - Die Tournee des BR-Symphonieorchesters geht weiter: In North Carolina begeistern die Musiker junge Zuhörer.

Ein paar letzte Fotos nach der Feier noch. Vor dem Busch im Sonnenlicht macht es sich besonders gut. Oder doch lieber am orange-roten Tulpenbeet? Passt vielleicht besser zum College-Abschluss-Dress mit quadratischem Hütchen und Umhang. Beides ist hier himmelblau. Carolina Blue heißt die Farbe der Universität von North Carolina, in der auch die Decke des Saales gestrichen ist. Darunter geschätzte 70 Prozent Twens, die ohne Probleme spontan ins Konzert kommen können. „Gibt’s noch zwei Karten?“, fragt ein Pärchen erst 30 Minuten vor Beginn an der Kasse. „Sure!“ Ein Fest also für all jene Verantwortlichen in den Kulturinstitutionen, die hochtrabend „Education-Programme“ predigen und damit eigentlich nur meinen, dass sich die Jugend öfter der Klassik aussetzen sollte.

Die Memorial Hall mit ihren rund 1400 Plätzen ist nicht ausverkauft bei der zweiten Station des BR-Symphonieorchesters. Aber das erklärt sich mit den technischen Daten dieser Stadt. Knapp 60 000 Einwohner nur hat Chapel Hill. Die älteste staatliche Universität der USA ist hier beheimatet, 1789 wurde sie zusammen mit dem Ort gegründet. Kaffees, kleine italienische, asiatische, indische, israelische Restaurants inklusive des unvermeidlichen mit dem gelben „M“ säumen die Hauptstraße. Es flaniert und sitzt sich lässig an der Franklin Street, was die Münchner Gäste für die nachmittägliche Stärkung nach der Anreise aus Washington nutzen.

Vor allem aber: Viel Geld existiert in Chapel Hill. So viel, dass man es sich leisten kann, Riccardo Muti mit dem Chicago Symphony Orchestra, Juliette Binoche für die Titelrolle von Sophokles’ „Antigone“, Barockstar William Christie und eben das Symphonieorchester des BR mit Mariss Jansons einzukaufen.

Vereinzelte Standing Ovations schon vor der Pause

Violinsolist Leonidas Kavakos kommt bei den Amerikanern an. Wie das gesamte Orchester.

Die Memorial Hall, eigentlich ein Theater mit Bühnenturm, breitem Parkett und tiefem Rang, ist vielleicht nicht der richtige Raum für einen Brocken wie Mahlers Fünfte. Dröhn- und Knallgefahr; Jansons, bemerkenswert gut aufgelegt am zweiten Tourneeort, muss in der Probe nacharbeiten. „Es gibt nicht die Qualität jetzt, aber das ist ja klar.“ Eine rätselhafte Bemerkung, die missverstanden werden kann. Großes Gelächter. Zuvor aber auch einige feuchte Augen. Jürgen Besig von den Ersten Geigen hat 65. Geburtstag – es ist bald Schluss für ihn im Orchester. Auf seiner letzten Tournee richtet er sich an die Kollegen. Im Arm die gerade geschenkte Weinflasche in einer Papiertüte als „blickdichte Verpackung“ – öffentlicher Alkoholgenuss abseits der Restaurants ist in den USA ein No-Go. Er könne sich noch genau erinnern, sagt Besig, wie er hier zu den Jüngsten zählte, und nun sei der Abschied nahe. „Dabei habe ich mich doch gar nicht verändert.“

Im Konzert, bei Korngolds Violinkonzert, zeigt sich wie schon in Washington, dass Solist Leonidas Kavakos in den Staaten gut ankommt mit seinem klaren, nie zu dürren Ton und seiner coolen Virtuosität. Vereinzelte Standing Ovations schon vor der Pause, am Ende, nach dem Mahler, schnellen alle aus den Sesseln empor. An Jansons und dem Orchester liegt das natürlich, die ihre Deutung – energiereich, vielschichtig, vollkommen logisch, in der Detailarbeit nie demonstrativ – immer mehr verfeinern. Oder auch am Klima: Unter den Sesseln bläst es, eine lästige Dauerkühlung für den Allerwertesten.

Den Orchestern mehr vertrauen

Junges Publikum: In der Unistadt Chapel Hill kommen viele Studenten zum Konzert.

Nachmittags darauf und 105 Flugminuten weiter, am nächsten Tourneeort Montréal, hat der Chefdirigent auch im persönlichen Gespräch den Turbo zugeschaltet. Bei Kamillentee und Nüsschen gibt es eine lebhafte musikalische Tour d’horizon. Um sein Debüt in der Hauptstadt Frankokanadas geht es, 1973 war das, bei seiner ersten Auslandsreise mit der Leningrader Philharmonie. Um die neu gewonnenen weißen Stellen im Kalender nach seinem Abschied vom Concertgebouworkest („Ich muss das erst lernen“). Um mehr Opernprojekte (im Juni „Pique Dame“ in Amsterdam, 2017 bei den Salzburger Festspielen). Um den Unterschied in der Orchesterkultur zwischen Russland („emotional“), Mitteleuropa („Stilgefühl“) und USA: „Die wollen vor allem Perfektion. Wenn man sagt, sie sollen wärmer spielen, fragen sie: Wie viel Grad?“ Und auch um seine eigene Entwicklung als Dirigent geht es. Wie Jansons lernte, den Orchestern mehr zu vertrauen. Wie er weiter am Klang der BR-Symphoniker feilen will, was besser mit einer motivierenden Atmosphäre möglich sei als mit Herumreiten auf Details.

Ja, und dann geht es natürlich um das S-Wort. Mit dem Standort Ostbahnhof für den neuen Saal hat sich Jansons inzwischen angefreundet. Einen Musikkindergarten schlägt er für dieses Gelände vor, eine Videobibliothek, damit Unwissende etwa Aufnahmen mit seinem Vorvorgänger Rafael Kubelik sehen können. Überhaupt solle es viel mehr Jugendarbeit geben, dazu möchte Jansons zum Beispiel in Kontakt mit allen Hochschul-Rektoren treten.

Das Problem "Akustik"

Auch wenn der Vertrag des 73-Jährigen bis 2021 läuft, hat er also noch einiges vor. Aufs Glatteis führen lässt er sich mit Fragen dennoch nicht und setzt lieber sein breites jungenhaftes Grinsen auf. „Ich bin nicht überzeugt davon, dass ich noch in München bin, wenn der Saal fertig ist.“ Wobei er keinem weismachen kann, dass er nicht das Eröffnungskonzert dirigieren wird. Und trotzdem treiben Jansons weiter Ängste um, was sein Lebensprojekt betrifft. Neben dem Problem Akustik ist es zum Beispiel die Befürchtung, dass aus falschem Sparwillen – wie bei der Pinakothek der Moderne – zu dürftig gebaut wird. „Mein Vater sagte immer: Wenn du etwas billig kaufst, dann wirst du dafür teuer bezahlen.“

Hier geht's zum News-Blog über die Nordamerika-Reise der BR-Symphoniker.

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