Ein Konzertsaal im Apothekenhof?

München - Der Marstall ist längst passé. In der Münchner Konzertsaaldebatte ist dafür ein neuer, ungewöhnlicher, verführerischer Standortvorschlag aufgetaucht: der Apothekenhof der Residenz.

Ein paar Bänke sind dort aufgereiht, doch Ruhesuchende sieht man nie. Dafür gibt es hier, am Hintereingang des Herkulessaals, parkende Autos, gelegentlich auch einen Übertragungswagen des Bayerischen Rundfunks - für einen prachtvollen Platz im Grunde eine klägliche Nutzung. Der Apothekenhof ist der größte Innenhof der Residenz und zugleich das Aschenputtel des Ensembles. Mehr als eine Aufhübschung könnte da ein Großprojekt bieten: ein Konzertsaal fürs BR-Symphonieorchester.

Ein gewagter Vorschlag. Und ein Plan, der bereits höchsten Stellen vorliegt. Urheber ist ein Privatmann: Florian Schröter, Kunsthistoriker, Doktorand und Inhaber einer kleinen Firma, die Internet-Auftritte für Sänger betreut. Mit dem Standort Marstall für einen neuen Konzertsaal konnte er sich nie anfreunden, dafür hat er nun ein mit Plänen, Zahlen und Fotos gesättigtes Exposé angefertigt.

Ein Luftikus? Manch einer mag sich das beim oberflächlichen Registrieren gedacht haben. Doch mittlerweile haben sich Vertreter des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, des Vereins „Konzertsaal für München“, des Finanzministeriums und Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) über den Vorschlag gebeugt. Das Orchester, das händeringend nach einer Saal-Heimat sucht, kann sich mit Schröters Vorschlag durchaus anfreunden. Auch Minister Heubisch hält dies für eine „sehr interessante Möglichkeit“. Die Residenz sei ohnehin „ein Sammelsurium an verschiedenen Baustilen“. Er denke bei der Lösung Apothekenhof an die Pyramide im Pariser Louvre. Ein solches Aufeinanderprallen von alter und neuer Architektur habe doch „ungeheure Kraft“.

Diese Mischung von Alt und Neu ist der Kern von Florian Schröters Vorschlag. Denkbar ist nach seinen Plänen, dass unter einer Überdachung des Hofs eine kontrastierende Saal-Architektur entsteht. Quasi ein „Innenschuh“ mit Platz zu den umgrenzenden Fassaden. Der Vorteil: Diese historischen Fassaden blieben sichtbar, Bausünden wie die Brandschutz-Treppe am Herkulessaal, die die Architektur stört und verschandelt, könnten sogar verschwinden. Platz für einen Saal wäre im Apothekenhof locker: Der zurzeit beste Hallen-Neubau, das „KKL Luzern“, könnte zum Beispiel bequem darin untergebracht werden.

Schröter räumt ein, dass es unter dem Platz alte Gewölbe gebe. Doch die könne man in die Saal-Architektur integrieren. Überdies sei der Apothekenhof perfekt an U-Bahn und Bus angebunden - ein Vorteil, der diese Lösung von einer anderen Alternative unterscheidet: vom Standort Türkenstraße am Pinakotheken-Areal, wo die TU-Gebäude irgendwann abgerissen werden müssen. Kunstminister Heubisch ist bekannt als Freund dieser Alternative - noch: „Ich halte das für eine sehr gute Lösung, zumal dieses Areal damit abends wunderbar belebt werden könnte.“

Von diesen beiden starken Alternativen wird die dritte Variante, der Finanzgarten an der Galeriestraße, langsam an den Rand gedrückt. Im Finanz- und im Kunstministeriums scheint man hierzu skeptisch. Unter anderem befürchtet man, dass der nahe Altstadt-Tunnel ein (akustisches) Hindernis wird. Ein weiteres Problem sei die Höhe eines Neubaus. „Man sollte nicht wieder den Fehler machen wie bei den Bürotürmen, die die Sichtachse der Ludwigstraße stadtauswärts so stören“, sagt Heubisch.

Aus dem Finanzministerium, über die Schlösser- und Seenverwaltung zuständig für die Münchner Residenz, hat Florian Schröter vor einigen Tagen Ablehnendes gehört. Man befürchtet dort, dass durch einen Saal-Bau im Apothekenhof notwendige Parkplätze wegfallen würden und der Feuerwehr keine Zufahrt mehr möglich wäre. Eine Einschätzung, die Schröter aus einem Grund nicht verzweifeln lässt: Denkmalschutz-Erwägungen spielen demnach eine eher untergeordnete Rolle.

Eher vorsichtig in der Standort-Frage äußert sich der Verein „Konzertsaal für München“. Die ehemaligen Marstall-Verfechter möchten zunächst alle drei Alternativen von Experten überprüfen lassen. „Der Vorschlag Apothekenhof hat schon einen gewissen Charme“, sagt Vereinsvorsitzender Manfred Wutzlhofer. Andererseits spielten hier Denkmalschutz, städtebauliche Verträglichkeit und der Eingriff ins Residenz-Ensemble eine große Rolle.

So sehr sich alle Beteiligten nach einem akustisch idealen Saal sehnen: Ihnen ist bewusst, dass dieses Projekt nur langfristig zu verwirklichen ist. Nächster Schritt ist nun ein Gespräch im ersten Quartal 2011. Am Tisch: Minister Heubisch, Vertreter des Saal-Vereins - und der neue BR-Intendant Ulrich Wilhelm.

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