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Mariss Jansons.

Interview mit Mariss Jansons

Konzertsaal-Debatte: "Einen Schritt vor, zwei zurück"

München - Mit Kritik hat Mariss Jansons, Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters, auf die jüngste Entwicklung in der Münchner Konzertsaal-Debatte reagiert.

Oper ist für Mariss Jansons der Ausnahmefall. Umso größere Aufmerksamkeit gilt seinen konzertanten Aufführungen – wie an diesem Samstag und am kommenden Montag im Falle von Tschaikowkys „Pique Dame“. In der Münchner Philharmonie dirigiert der 71-Jährige sein Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Das Ensemble wird bald sein einziges musikalisches Kind sein – nach dem Abschied vom Concertgebouw Orchestra Amsterdam.

Anfang November gastieren Sie mit dem BR-Symphonieorchester in Ihrer Geburtsstadt Riga. Ist Ihnen die Stadt mittlerweile fremd geworden?

Absolut nicht. Ich bin zwar selten in Riga, obwohl ich dort noch Verwandte habe. Aber ich kann mich an fast jede Straße, fast jedes Gebäude erinnern. Das ist für mich eine sehr emotionale Sache. Im Opernhaus, wo meine Mutter gesungen und mein Vater dirigiert hat, durfte ich den ganzen Tag spielen. Übrigens gibt es auch in Riga keinen guten Konzertsaal. (Lacht.) Wir gastieren im Opernhaus.

Und nun präsentieren Sie dort quasi Ihr musikalisches Kind.

Genau. Immer, wenn wir reisen, bin ich unglaublich stolz darauf, dass ich mit einem solchen Orchester arbeiten kann. Mit Musikern, mit denen ich denselben Weg gehen darf.

Hat Amsterdam den Schock schon überwunden, dass sie das Concertgebouw Orchestra verlassen?

Es war sehr schwer, für beide Seiten. Eine wunderbare Beziehung. Und ein herrlicher Saal. Der allein lockt dort schon die Besucher an. Deshalb wäre es ja so wichtig, dass wir auch in München einen erstklassigen Saal bekommen. Es würde für die Stadt einen unglaublichen Schub bringen. Was machen alle, die nach Sydney fahren? Sie schauen sich das tolle Opernhaus an.

Stadt und Staat wollen nun untersuchen lassen, ob die Münchner Philharmoniker und Ihr Orchester in einem Saal, in der Philharmonie, Platz hätten. Vor zwei Jahren wurde das bereits durch zwei Studien widerlegt. Sind Sie frustriert, dass es von vorne losgeht?

Ich kann nicht begreifen, warum alles wie eingefroren ist. Keiner hat bisher den Auftrag bekommen, wie man mit dem, wie ich finde, besten Standort Finanzgarten umgehen soll. Damit muss man endlich anfangen! Dort ist genug Platz, und es gibt eine wunderbare Umgebung. Wozu eine neue Studie? Das ist wie bei der schottischen Armee, diesen Vergleich kennt man bei uns. Einen Schritt vor, zwei zurück. Gut, wenn uns das irgendwann und endlich zu einer Entscheidung bringen könnte, dann okay... Auch wenn ich es nicht ganz verstehe. Ein junger Architekt hat schon einen Vorschlag für den Finanzgarten gemacht. So etwas sollte man analysieren.

Fühlen Sie sich überhaupt noch ernst genommen? Weil vielleicht mancher denkt: Ach Gott, Jansons mit seinem Saal...

Ehrlich gesagt: Das habe ich mir schon mehrfach gedacht. Wahrscheinlich bin ich vielen lästig – auch wenn es mir keiner zeigt.

War die Entscheidung gegen das Amsterdamer Orchester also auch ein Signal in Richtung Saal?

So würde ich das nicht sagen. Es gab mehrere Argumente. Aber unter anderem habe ich dem Concertgebouw Orchestra wirklich gesagt: Ich fühle, dass man mich in München braucht wegen des Saales. Hätte ich mich gegen München entschieden, dann wäre das ein Dolchstoß für das BR-Symphonieorchester gewesen. Alle hätten gesagt: Aha, er glaubt selbst nicht mehr an den Bau. Ich habe die moralische Pflicht, das bis zum Ende zu versuchen. Ich kann nicht anders. Wenn der Saal gebaut werden sollte, kann ich mir sagen: Gott sei Dank, es existiert etwas sehr Wichtiges, was ich in meinem Leben geschafft habe. Gut, ich darf herrliche Orchester dirigieren, das allein zählt schon viel. Aber jeder Mensch hat doch irgendeine Aufgabe. Er will etwas erreichen, nicht nur essen, arbeiten und leben. Und ich fühle: Dieser Konzertsaal ist meine.

Man ahnt schon, welchen Namen der Saal bekommt...

Wie? Um Gottes Willen.

Wetten?

Dieser Saal hat überhaupt nichts mit persönlichem Ehrgeiz zu tun und damit, dass ich ein Denkmal hinterlassen möchte! Ganz, ganz ehrlich.

Sie dirigieren jetzt mit „Pique Dame“ schon wieder eine russische Oper. Was machen Sie, der in St. Petersburg aufgewachsen ist, anders bei diesem Repertoire als die Kollegen?

Ich will schon auch andere Opern dirigieren, Puccini zum Beispiel. Auf jeden Fall mehr konzertante Aufführungen. Wissen Sie, wenn man heute Oper live erlebt, dann weiß man doch nicht: Ist das jetzt ein Bühnenbild oder doch nur ein Konzertsaal? Eine dunkle Szenerie, ein paar Lampen, irgendwo ein Fenster... Da ist es doch fast egal, ob man es szenisch oder nur konzertant macht. (Lacht lange.) Ich kann nicht sagen, dass ich etwas anders oder besser mache als Dirigenten aus anderen Ländern. Vielleicht folge ich bestimmten Traditionen, obwohl das riskant ist. Bei russischer Musik gibt es eine Entwicklung zu einer falschen Emotionalität. Zu übertriebenem Sentiment. Gerade bei „Pique Dame“ ist das gefährlich. Alles sollte sehr natürlich dirigiert werden – auch wenn es eine große Tragödie ist.

Welche Rolle spielt Tschaikowskys eigene Situation bei dieser Musik?

Er war der emotional wohl labilste und empfindlichste Komponist. Ich glaube, dass das mit seiner Homosexualität zu tun hat. Eine Neigung, die er nicht ausleben durfte. Ein ständiges Vorspielen falscher Tatsachen. Grauenhaft. Was muss da in seinem Herzen passiert sein? Und dieser Schmerz zieht sich durch seine Musik. Trotzdem: Alles steht schon in der Partitur – wir Interpreten sollten es also nicht übertreiben.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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