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Kommt es am Ende doch zum Saal an der Galeriestraße wie hier im Modell eines Nürnberger Studenten? Die Staatsregierung zieht das in Erwägung, sollte die Zwillingslösung“ mit Gasteig und Herkulessaal nicht realisierbar sein.

Kabinett berät heute über Gasteig-Sanierung

Konzertsaal-Debatte: Finanzgarten bleibt im Rennen

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    Markus Thiel
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München - Der Politik klingeln die Ohren. Nach der heftigen Kritik aus der Kulturszene verteidigt die Bayerische Staatsregierung ihren Plan zur Gasteig-Sanierung hörbar genervt.

Gleichzeitig wird hinter den Kulissen eine neue spektakuläre Wende nicht ausgeschlossen. Möglich wäre es, doch noch einen neuen Konzertsaal in München zu bauen – und zwar im Finanzgarten.

„Ich verstehe eine gewisse Enttäuschung Einzelner, aber nicht diese bemerkenswerte kulturpolitische Aufregung der vergangenen Tage“, sagt Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). „Ich erwarte schon, dass man genau zuhört, welche Vorschläge die Landeshauptstadt und der Freistaat unterbreiten. Hier arbeiten keine Amateure.“ Die enge Zusammenarbeit von Stadt und Staat habe er sich „vor einem Jahr nicht im Traum vorstellen können“.

In einer vertraulichen Vorlage für die heutige Ministerratssitzung, die unserer Zeitung vorliegt, sind Teile eines Konzepts für den künftigen Konzertbetrieb formuliert. Philharmonie und Herkulessaal würden demnach als Einheit betrachtet („Zwillingslösung“). Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Münchner Philharmoniker würden jeweils zwei Wochen einen Saal mit dem dazu passenden Programm bespielen und dann tauschen. Werke „von Barock und Wiener Klassik“ könnten vorrangig im Herkulessaal laufen. Spaenle soll alle Details aushandeln.

Gleichzeitig hält sich die Politik offen, bei einem Scheitern dieser Pläne an Details oder extremen Kosten doch wieder einen Neubau anzudenken. Als „alternative Option“ wird der westliche Finanzgarten genannt, trotz drohender Proteste wegen möglicher Baumfällungen.

Etwas aus dem Rampenlicht scheint damit der alte Kongresssaal des Deutschen Museums gerückt. Die Variante spukt seit einigen Tagen wieder in den Köpfen der damit befassten Politiker herum. Als Interimslösung während der Gasteig-Sanierung oder gleich als Dauerstandort für einen neuen Saal: Wenn der Kongresssaal für eine zeitlich begrenzte Spielstätte umgebaut werden muss – warum dort nicht gleich eine Dauerlösung anstreben? Notwendig wäre allerdings, dass die Verantwortlichen des Deutschen Museums mitmachen. Doch dort wird gemauert. In der Ministerratsvorlage wird verschnupft auf eine „Weigerung wesentlicher Entscheidungsträger des Deutschen Museums trotz positiver Machbarkeitsstudie“ verwiesen.

Generaldirektor Wolfgang Heckl lässt mitteilen, dass er sich zu dieser Frage nicht äußern werde. Und Rainer Salfeld, Vorsitzender des mächtigen Kuratoriums, weist auf den Eigenbedarf des Museums hin. 2012 war die Variante an der Isar eben deshalb gescheitert, weil das Museum im Zuge der geplanten, groß angelegten Sanierung Räume für sich reklamiert hat. Daran, so Salfeld, habe sich nichts geändert. Eine Interimslösung hält er für nicht realistisch, da das Gebäude dafür aufwändig entkernt werden müsste. „Wir arbeiten derzeit an einer integrierten Gesamtlösung für die Museumsinsel.“ Den Vorwurf, dass die Museumsleute keine Ahnung hätten, was sie mit dem Kongresssaal anfangen sollen und deshalb nichts gegen einen Konzertsaal haben können, weist Salfeld zurück: Im Frühjahr oder Frühsommer werde man ein detailliertes Konzept vorlegen.

Mittlerweile haben die Befürworter eines neuen Konzertsaales einen der renommiertesten Akustik-Experten auf ihrer Seite. Karlheinz Müller vom Münchner Ingenieurbüro Müller-BBM befürchtet ein Debakel bei der geplanten Entkernung der Philharmonie. Beim Bauen im Bestand gebe es viele Unwägbarkeiten. Der schlimmste Fall würde eintreten, wenn man während des Umbaus merke, dass es nicht ohne Totalabriss gehe. „Dann explodieren die Kosten“, sagt Müller. „Schlimmstenfalls haben wir eine Elbphilharmonie auf Raten.“ Addiere man die zu erwartenden Umbaukosten mit den Kosten für eine Interimsspielstätte und die ebenfalls geplante „Ertüchtigung“ des Herkulessaales, könne man „locker“ einen neuen Saal bauen und später die Philharmonie angemessen sanieren.

Heute Nachmittag wird sich Mariss Jansons erstmals nach dem Seehofer-Reiter-Votum äußern. Der Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters will dazu, wenige Stunden nach dem Kabinettsbeschluss, mit Sender-Intendant Ulrich Wilhelm und Bariton-Star Christian Gerhaher vor die Presse treten.

Nach tagelangem (womöglich verordnetem) Schweigen gibt es nun auch erste Wortmeldungen von den Münchner Philharmonikern. Konstantin Sellheim, Mitglied des Orchestervorstands, beklagte auf Facebook die „teilweise unreflektierten und unfairen Reaktionen“ auf die Seehofer-Reiter-Vereinbarung. Diese bedeute eine Chance für den Musikstandort München und nicht seine Vernichtung. Überdies könne man damit Chancengleichheit herstellen „und gleiche Rahmenbedingungen für zwei weltweit bedeutende Sinfonieorchester“.

Ob sich dies nach der doppelten Renovierung von Gasteig und Herkulessaal wirklich durchsetzen lässt? Dies alles bedeutet, dass das Erstbelegungsrecht in den beiden Sälen für das BR-Ensemble und die Philharmoniker turnusmäßig wechseln muss. Doch inzwischen scheinen die Ersten schon ihre Claims abzustecken. Von Philharmoniker-Intendant Paul Müller zum Beispiel wird berichtet, er habe kürzlich dem Freundeskreis seines Orchesters versichert: Selbstverständlich bleibe das Erstbelegungsrecht im Gasteig für die Philharmoniker erhalten.

Christian Deutschländer und Markus Thiel

BR-Bürgerforum zum Thema Saal heute, 20.15 Uhr, Bayerisches Fernsehen.

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