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Luftig geschwungene Ränge unterm „Wolkenhimmel“: Blick in die Pariser Philharmonie beim Gastspiel der Münchner Philharmoniker.

Philharmoniker besuchen Kollegen in Frankreich

Paris zeigt: So geht Konzertsaal

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Paris – Die klassische Musik in der Krise? Von wegen. Überall werden Konzertsäle gebaut – nur nicht in München. Einer der neuesten, größten ist die Philharmonie in Paris, der die Münchner Philharmoniker gerade einen Besuch abgestattet haben.

Eine knappe Viertelstunde dauert es mit der U-Bahn vom Zentrum, da wird es dem Ansager anscheinend schlecht. „Urgh“, tönt es zweimal aus den Lautsprechern. Ein kurzes Würgen, bevor’s ins Pariser Glasscherbenviertel geht? „Ourcq“ heißt die letzte Metro-Station vor dem Aussteigen, dann ist die Arbeitervorstadt Pantin erreicht. Die Ringautobahn, McDonald’s, Kebap-Läden, ein paar kleine Restaurants, die ehemalige Viehhalle, die jetzt als „Le Grande Halle“ mit Shows und Rockkonzerten lockt. Und eben die Pariser Philharmonie, die sich noch im Klammergriff von zwei Kränen befindet. Darauf eine Art letzter Schneematsch, es sollen laut Architektenplan hunderte Verzierungsvögel sein. „Schee is wos anders“, sagt jemand aus dem Orchester.

Das ist schon eine kleine Ehre. So kurz nach der Eröffnung reisen nun die Münchner Philharmoniker an. Und es ist eine kleine Pointe. Daheim, wo gerade heftiger Zwist herrscht über die Frage, ob die große Gasteig-Sanierung sein soll (die sich das Orchester der weißblauen Landeshauptstadt wünscht) oder es doch einen neuen Saal braucht (was die Konkurrenz vom Bayerischen Rundfunk will), erleben die Philis: So fühlt sich eine neue Konzerthalle an. Wobei neu – fertig ist die Pariser Philharmonie noch lange nicht. Hinter einem der Ränge werden schamhaft Gerüste versteckt. Statt Abfalleimer stehen Pappschachteln auf den Böden der ungesaugten Foyers. Hinter der Bühne suchen die Orchester-Damen vergeblich nach einer Toilette, es gibt nur welche für Männer und Behinderte. Doch immerhin, im Unterschied zum Eröffnungskonzert am 15. Januar wurden mittlerweile alle Stuhlreihen eingebaut.

Entscheidend ist ja anderes: die Akustik, gerade für die Gäste aus der Münchner Klang-Diaspora. Nach der Probe, in der der künftige Chef Valery Gergiev immer wieder dämpft und dimmt und prophezeit, „the best moments“ würden im Konzert die leisen Stellen sein, gibt es Schulterzucken. Na ja. Nach dem bejubelten Dvořák-Strauss-Programm dann wesentlich freundlichere Mienen. „Das klingt super“, sagt etwa Oboistin Marie-Luise Modersohn. Man höre sich optimal auf der Bühne. „Das erinnert mich schon sehr an die Berliner Philharmonie.“

Für das Publikum ist das ein wenig anders. In der Probe wähnt man sich im seitlichen Block im satten, saftigen, bassig grundierten Soundbad. Im Konzert, bei ausverkauftem Haus von der ersten Etage Mitte, ist dieses Körperhafte deutlich reduziert. Extrem präsent, wie auf Armlänge entfernt gespielt, wirken „Also sprach Zarathustra“ und „Till Eulenspiegel“ von Richard Strauss und Antonín Dvořáks Cellokonzert dennoch. Es wird ein Fest für die Soli und für die Details. Alles ist überscharf profiliert, vom holzigen Nebengeräusch auf dem Instrument von Cello-Star Sol Gabetta bis zum leisen Mitgrunzen Valery Gergievs.

Und noch etwas erfahren die Münchner. Die Pariser Philharmonie ist auch ein Lehrbeispiel. Dafür, wie Staat und Stadt zusammenwirken, um einen solchen Bau zu finanzieren und zu unterhalten. Und dafür, wie man mit einem neuen Kulturzentrum eben nicht auf ein Filetgrundstück im Zentrum schielt, sondern ein Aschenputtelviertel aufwertet. Übertragen auf München würde das bedeuten: Ein neuer Saal dürfte nicht im Finanzgarten oder am Deutschen Museum entstehen, sondern beim MOC, an der Allianz-Arena oder am besten gleich im Hasenbergl.

Dass der hiesige Saaldebattenkrampf international mit Kopfschütteln quittiert wird, hat auch einen besonderen Grund. Die Zeichen für die Klassik stehen mitnichten auf Rot, im Gegenteil. Überall schießen die Konzerthäuser aus dem Boden. Und das nicht nur in Japan, wo pro Jahr ein weiteres eröffnet wird, wie Mariss Jansons, Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters gern ironisch anmerkt, sondern hier, mitten in Europa. Auf Milliarden summieren sich die Beträge, die derzeit für Symphonieorchester und ihre neue Heimat ausgegeben werden. Und nicht, weil alles schiefläuft wie bei Hamburgs Elbphilharmonie. Sie ist das schwarze Schaf, das einzige unter all diesen Projekten.

Vor einigen Monaten zum Beispiel hat sich das polnische Kattowitz einen 1800-Plätze-Saal geschenkt, dies inmitten eines neuen großen Kulturzentrums. Kostenpunkt: insgesamt 400 Millionen Euro, wobei die Konzerthalle „nur“ mit 70 Millionen zu Buche schlug – und übrigens von Alexander Liebreich, Chefdirigent des Polnischen Rundfunksinfonieorchesters und des Münchener Kammerorchesters, eröffnet wurde. Genau so viele Plätze wird der Saal in Breslau haben, das sich im kommenden Jahr als europäische Kulturhauptstadt feiern lassen will. Kosten: 100 Millionen Euro.

Ein bisschen anders ist die Situation in Dresden. Christian Thielemanns renommierte Staatskapelle spielt traditionell in der Semperoper, das andere Orchester, die Philharmonie, dagegen im Kulturpalast. Der sieht so aus, wie er heißt, schwer nach DDR-Altlast also, und wird nun für 80 Millionen Euro einem Komplettlifting unterzogen. Die Eröffnung wurde gerade von 2015 auf 2017 verschoben. Und die Pläne wirken so verführerisch, dass die Dresdner Platzhirsche von der Staatskapelle schon begehrliche Blicke in Richtung dieser Baustelle werfen.

Fast beliebig ließe sich diese Reihe fortsetzen. Vom schwedischen Malmö mit seinem Konzert- und Kongresszentrum „Kontrapunkt“, das wie eine Ansammlung von Schuhschachteln auf ein großes Areal geworfen wurde, über den Warschauer Saal auf dem Gelände eines früheren Veterinärinstituts, das „Musikken Hus“ im schwedischen Aalborg, das neue Festspielhaus in Bonn bis hin zum 1400-Plätze-Saal im Schweizer Gstaad, eine Art Denkmal am früheren Wohnort der Geigenlegende Yehudi Menuhin. Privatleute treiben dort 100 Millionen Franken auf. Ein Beispiel, das man gern den Münchner Honoratioren um Roland Berger entgegenhalten würde. Groß hatten diese vor einigen Jahren angekündigt, man werde viele, viele Privatgelder für einen Saal sammeln. Doch Berger & Co. sind gerade verstummt.

Es ist also hohe Zeit für die Klassik. Und gemeinsam ist den neuen Sälen, dass sie nicht nur auf den alten Frontalunterricht „hier das hehre Orchester, dort die stillen Zuhörer“ setzen. Vielmehr wird Platz eingeräumt für anderes. Für fest installierte Mikrofone und Kameras, mit denen das Geschehen im Internet übertragen wird. Und für begleitende Veranstaltungen, ob in den Foyers oder in Extra-Räumen, wie Einführungen, Mittagskonzerte oder die gern so bezeichneten „Education“-Programme, obwohl es doch für solche Jugendprojekte, dies auch an die Adresse der Münchner Philharmoniker, tatsächlich deutsche Begriffe gibt.

Vor dieser europäischen Gesamtschau fällt auf: Ausgerechnet München, ausgerechnet eine der weltweit wichtigsten Musikmetropolen, setzt nicht auf Fortschritt und Zukunftsfähigkeit, sondern werkelt, manchmal verbissen, manchmal beleidigt, an der Bestandssicherung. So unfertig, so provisorisch vieles in der Pariser Philharmonie anmutet an diesem weißblauen Gastspielabend, so deutlich wird doch: Hier, im anfechtbaren 19. Arrondissement, tut sich wenigstens was. Und es ist schon zu spüren, wie die Münchner Philharmoniker das genießen, wie sie sich förmlich hineinschmiegen mit ihrer warmen, weichen Brillanz in diesen Saal. Dvořáks Cellokonzert, obwohl von Sol Gabetta mit heftigen Energieentladungen gespielt, klingt noch nach Verbuchen, auch weil Dirigent Gergiev neutraler Beobachter bleibt.

Was die Philharmoniker auf Lager haben, besonders welche beneidenswerten Orchestersolisten, das ist im „Till Eulenspiegel“ zu erfahren. Und dass das Konzert am GAU vorbeischrammt, in „Also sprach Zarathustra“. Ein paar schlanke hohe Pfeifen an der Saalwand markieren den dahinter liegenden Orgelprospekt. Doch das Instrument ist noch verdreckt, Diagnose: unspielbar. Friedemann Winklhofer, aus München extra mitgereister Renommiersolist, sitzt bei der Probe an einem kleinen Orgelpositiv, statt C-Dur-Brausen gibt es einen dünnen Akkord, dummerweise einen Halbton zu hoch. Fürs Konzert wurde eilends ein elektronischer Ersatz hereingerollt. Kann ja mal passieren, c’est la vie.

Markus Thiel

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