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Mustermodell mit internationaler Ausstrahlung: das Kunst- und Kulturzentrum Luzern

Münchner Kulturpolitik

Wie Konzertsäle mit privatem und öffentlichem Geld entstehen

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München - Öffentlich-Rechtliche und Private bauen gemeinsam einen Saal, andernorts ist das längst erfolgreiche Praxis

"Wolkenturm" unter freiem Himmel: die Freilichtbühne im niederösterreichischen Grafenegg

Leiser geht’s nicht. Das ist das, woran der Musikfreund normalerweise bei „ppp“ denkt – ans dreifache Piano, eine Dynamikvorschrift also. Auch in München muss nun allerdings dazugelernt werden. PPP, das ist eben auch die Abkürzung für „Private Public Partnership“, für die Zusammenarbeit von öffentlicher Hand und privaten Investoren, um ein gemeinsames Projekt zu realisieren. Nach allen Regeln der Vernunft (und des bisherigen Debattenverlaufs) dürfte es beim neuen Konzertsaal dazu kommen – ob nun der Standort Kultfabrik am Ostbahnhof oder die Paketposthalle  den Zuschlag erhält.

Noch ist auch Zögern zu spüren: Sich einem privaten Partner ausliefern, der Grundstück und/ oder Immobilien zur Verfügung stellt – ist das nicht zu risikoreich? Doch was für München Neuland bedeutet, ist andernorts längst Praxis. Eine Reihe internationaler Kulturprojekte wurde per PPP gestemmt, nur wenige können hier aufgezählt werden. Und das leuchtendste ist ausgerechnet jenes, das für die gewünschte Münchner Akustik stets als Traumbeispiel herhalten muss, das Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL). Neben Stadt, Kanton und Staat haben über 1000 private Donatoren den Wundersaal unterstützt. Gegründet wurde dafür eine Trägerstiftung. Sie war Bauherrin und ist Besitzerin des KKL. Zudem hält sie die Aktienmehrheit der KKL Luzern Management AG, die den Komplex betreibt. Ein Erfolgsmodell – nach Anfangsproblemen.

Ein weiteres Beispiel für eine Zusammenarbeit von öffentlich-rechtlichen und privaten Organisationen (und zudem für eine mehr als ungewöhnliche Architektur) gibt es im niederösterreichischen Grafenegg. Renommierte Orchester treten dort unter freiem Himmel im „Wolkenturm“ oder im überdachten Auditorium auf. Künstlerischer Leiter ist Star-Pianist Rudolf Buchbinder. Die Eigentümerfamilie mit dem klangvollen, historisch bedeutsamen Namen Metternich-Sándor stellte Grundstücke samt Immobilien zur Verfügung und tat sich zum PPP-Modell mit dem Land Niederösterreich zusammen. Dazu wurde die Grafenegg Kulturbetriebsgesellschaft m.b.H. gegründet, die nun ein einmaliges Ensemble aus Schloss, Freiluft-Bühne und Saal verwaltet.

Negativbeispiel Hamburger Elbphilharmonie

Herzstück von Malmö live ist der große Konzertsaal

Noch ein Großprojekt findet sich einige Kilometer ostwärts. Auch der Palast der Künste in Budapest wurde staatlicherseits gemeinsam mit der TriGranit-Gruppe des ungarischen Großinvestors Sandor Demjan verwirklicht. Der sieht sich dort in einer Schrittmacherfunktion: Nach seinen Worten habe die kommunistische Führung früher „kein einziges bleibendes Gebäude für die Kunst geschaffen“. In Schweden hat man ebenfalls mit einer PPP-Konstruktion gute Erfahrungen gemacht. Unter dem Namen Malmö live wurde im Süden des Landes auf 27 000 Quadratmetern gleich ein gesamtes Viertel hochgezogen, das Kultur-, Wohn- und Bürobauten beherbergt. Partner ist hier das schwedische Bauunternehmen Skanska.

Einen Schritt weiter ist man beim Festspielhaus Baden-Baden gegangen. Während beim PPP sonst private Investoren zur Finanzierung öffentlicher Infrastrukturvorhaben gesucht werden, wird am Rand des Schwarzwalds ein privat betriebenes Kulturunternehmen mit öffentlichen Geldern subventioniert. Anfangs mit verheerenden Konsequenzen: Immer öfter gähnten in einer der größten Klassikspielstätten Europas leere Reihen, bis schließlich 1998 Andreas Mölich-Zebhauser den Betrieb als Intendant und Geschäftsführer übernahm. Dass der Riesenbau zurzeit regelmäßig ausverkauft ist, lässt sich zwar nicht behaupten, aber: Es läuft befriedigend bis gut.

Die respektable Reihe von Erfolgsprojekten soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch warnende Stimmen gibt. Kritiker, die vor einem zu großen Einfluss der Privaten warnen. Oder davor, dass die Öffentliche Hand irgendwann allein dastehen könnte, wenn den Privatpartner alle guten Finanzgeister verlassen und er pleite geht. Es gibt Wirtschaftsexperten, die ein Ungleichgewicht befürchten: Der Staat übernehme die Risiken und garantiere damit für die Gewinne der Privaten – womit PPP unterm Strich teurer kommen könne als ein rein öffentlich-rechtlich finanziertes Projekt.

Zwei Voraussetzungen sind also erforderlich für ein gutes Gelingen: ein potenter Investor, der nicht nach ein paar Jahren abspringen muss, und ein entsprechend formuliertes Vertragswerk. Alles hängt also nun ab von den derzeit laufenden Verhandlungen mit Pfanni-Erbe Werner Eckart, Besitzer des Werksgeländes am Ostbahnhof, und Mathias Niemeier im Falle der Paketposthalle. Denn wie ein PPP-Modell nach hinten losgehen kann, das hat nicht zuletzt die Elbphilharmonie Hamburg gezeigt. Der Investor Hochtief stellte dort bekanntlich im Oktober 2011 die Bauarbeiten ein. Nach vielen Verhandlungen ging es irgendwann wieder voran – mit dem Ergebnis, dass der Bau den Steuerzahler nun das Zehnfache der ursprünglichen Schätzung kostet, nämlich gute 700 Millionen Euro.

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