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Ist bald hier auch Klassik Kult? Auf dem Gelände am Ostbahnhof könnten sich die Fans unterschiedlichsten Musikrichtungen begegnen – zur Freude der Orchestermusiker übrigens.

Tschaikowsky und Tabledance

Kommt der Konzertsaal in die Kultfabrik?

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München - Tschaikowsky und Tabledance? Alle Zeichen deuten darauf hin, dass der Standort Ostbahnhof rund um das ehemalige Kunstpark- und aktuelle Kultfabrik-Areal Favorit in der Konzertsaal-Debatte ist.

Im Landtag nennen sie so etwas „einen echten Seehofer“: Der Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft hat den Ministerpräsidenten eingeladen. Es geht um die Arbeitswelt der Zukunft: Nanotechnologie, Digitalisierung, nachhaltige Mobilität. Solche Sachen. Der Ministerpräsident redet vor den Wirtschaftsvertretern gerade über das Gründerzentrum „Werk 1“ für Start-ups auf dem ehemaligen Pfanni-Gelände am Münchner Ostbahnhof – als ihm etwas ganz anderes einfällt. „Vielleicht entsteht dort auch noch ein Kulturzentrum“, erzählt Seehofer im Plauderton, ehe ihm einfällt, dass er öffentlich darüber eigentlich noch gar nicht reden mag. Sind ja auch nur ein paar hundert Leute im Saal. „Insider hören aber, wo es hinläuft“, schiebt der CSU-Vorsitzende noch hinterher.

Ja, Insider wissen, wo es hinläuft. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass das Pfanni-Gelände am Ostbahnhof der große Favorit in der vielleicht doch nicht endlosen Standortdebatte für den Konzertsaal ist. Der Grund scheint relativ banal: Die Zeit drängt, und das Areal auf dem Werksgelände wäre am schnellsten und leichtesten realisierbar. Seehofer, dem der Saal zunächst lange egal und dann ein einziges Ärgernis war, hat inzwischen Gefallen an dem Projekt gefunden. Es wäre ein schönes Vermächtnis, wenn er 2018 abtritt. Punkt acht der Tagesordnung für die Kabinettssitzung am kommenden Dienstag sieht deshalb einen schriftlichen Bericht von Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU) vor. Und Seehofers Insider rechnen mit einer klaren Priorisierung für den Vorschlag, den Pfanni-Erbe Werner Eckart unlängst präsentierte.

Das ist nun nicht mehr die attraktive Innenstadt-Variante, die jahrzehntelang diskutiert wurde. Marstall, Kongresssaal, wohl auch Finanzgarten, alle diese Standorte wären damit aus dem Rennen. Auch der Olympiapark, wo sich die Verhandlungen mit Red Bull hinziehen – zu lange womöglich, um auf dem Gelände der heutigen Eissporthalle in halbwegs realistischer Zeit ein Kulturzentrum zu bauen. Der Post-Palast, für den sich ein weiterer privater Investor einen Konzertsaal vorstellen kann, ist offenbar ebenfalls aus dem Favoritenkreis gefallen. Angeblich ist eine Hotel-Nutzung im Gespräch. „Der Standort im Werksviertel hat in den letzten Tagen eine steile Karriere hingelegt“, sagt ein Eingeweihter. Wer sich in den betroffenen Klassikkreisen umhört, vernimmt zwar Bedauern darüber, dass es nun auf eine Randlage hinausläuft. Doch gleichzeitig bietet, so heißt es dann schnell, die Variante Ostbahnhof doch wunderbare Möglichkeiten.

Die U30-Generation abseits der Klassik ist im ehemaligen Kunstpark und in der heutigen Kultfabrik Stammgast. Dort, wo früher rund 200 000 Frischkartoffeln zu Pfanni-Produkten verarbeitet wurden, locken heute über zwei Dutzend Veranstaltungsräume wie Tonhalle, New York Tabledance, Eddy’s Rockclub, Schlagergarten oder Kantine, Letztere lädt zum Speisen bis 5 Uhr früh ein. An diesem Wochenende lockt die Aktion „Summer-Fever“ mit Feuer, Bier, Barbecue und Surf-Simulator – die totale Abschreckung also für die Fans von Symphonie, Klavier- und Violinkonzert? So denken die Verantwortlichen bei den Klassik-Institutionen gerade nicht. Seit einiger Zeit führen die Orchester schließlich mit ambitionierten Aktionen vor, wie man neue Publikumsschichten gewinnen, neue Konzertformen erproben und überflüssige Schranken zwischen den Genres einreißen kann. Auf dem Gelände am Ostbahnhof würden sich alle Fraktionen gewissermaßen hautnah begegnen – keine Konfrontation wäre das, sondern vielmehr eine Chance, wie mancher Orchestervertreter findet.

Zumal Stadt und Investoren hier in den nächsten Jahren ohnehin eine Radikalkur planen. Das Werksviertel soll quasi ein neuer Stadtteil werden. Der Bebauungsplan ist weit fortgeschritten, ein Konzertsaal wäre rasch eingearbeitet, heißt es in der Verwaltung. Der industrielle Charme der Gegend soll dabei erhalten bleiben – beispielsweise die Silos, in einem davon residiert heute schon eine Kletterhalle. Im „Werk 1“ werkeln junge Technik-Nerds an Unternehmen der Zukunft. Das passt in ein Kreativquartier, in dem Loft-Büros, individuelle Handels- und Showroom-Flächen, Restaurants, Bars, Entertainment und Künstler-Ateliers Tür an Tür untergebracht werden sollen. Und jetzt eben auch noch ein Konzertsaal.

Trotz der Randlage: Für die Konzertbesucher bietet das Viertel Vorteile. Gleich nebenan sollen Hotels entstehen. U-Bahn, S-Bahn-Stammstrecke, Busse, Tram, dazu noch die Züge nach Rosenheim und in den Chiemgau plus Fernverbindungen – weder Herkulessaal noch Gasteig sind so gut und bequem zu erreichen.

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