Konzertsaal-Pläne: verhängnisvolle Leidenschaft

München - Die erste Phase des Offenen Ideenwettbewerbs zur zukünftigen Nutzung des Münchner Marstalls endet. Die Modelle für das - umstrittene - neue Lieblingskind von Bayerns Finanzminister Kurt Faltlhauser müssen bis 11. September beim Staatlichen Bauamt abgegeben werden. Wo aber bleiben die Alternativ-Vorschläge?

Wenn etwas partout durchgesetzt werden soll, schafft man am besten vollendete Tatsachen. Dahin steuert der Finanzminister mit aller Macht: Er will Münchens Marstall, Spielstätte, Kulissendepot und Werkstätte des Bayerischen Staatsschauspiels, in einen Konzertsaal verwandeln. Die ärmlichere - wohl unerwünschte - Variante dazu ist ein "multifunktionaler Veranstaltungssaal". Die angestammte Nutzung ist plötzlich nicht mehr fein genug (muss aber irgendwo untergebracht werden). Nun gehört, anders als die Residenz, der Marstall-Riegel, die ehemalige Hofreitschule, nicht in Faltlhausers Zuständigkeitsbereich; darüber hinaus blies seinem Vorhaben aus verschiedenen Richtungen ausgesprochen kühler Wind entgegen. Weder Staatsschauspiel und Dieter Dorn, noch das Nationaltheater-Team inklusive Kent Nagano, noch Kunst-Minister Thomas Goppel, noch die Stadt München zeigten sich erfreut beim Gedanken an einen neuen, zusätzlichen Konzertsaal.

In einer Art Umarmungsstrategie sollen die Widerstände sanft niedergeschmust werden. Oper und Theater dürfen sich jeweils etwas vom neuen Marstall wünschen. Damit das glaubhaft klingt - und immer die "vollendeten Tatsachen" im Blick ­, hat man den Wettbewerb im Mai bekannt gemacht und im Juli ein Kolloquium für Architekten abgehalten. Andere örtliche Möglichkeiten, eine Erweiterung des Herkulessaals zum Beispiel, sind auf diese Weise lautlos in der Versenkung verschwunden.

Zur Erinnerung: Faltlhauser möchte den neuen Konzertsaal nicht für ein staatliches Orchester, sondern für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Chefdirigent Mariss Jansons lamentiert bei jeder Gelegenheit dramatisch einerseits über den Herkulessaal (1300 Plätze) in der Residenz, andererseits über die Philharmonie (2400) im Gasteig. Der eine sei zu klein, der andere akustisch mies. Warum, fragt sich der Normalbürger, wird dann nicht der angestammte Herkulessaal aufgemöbelt? Warum sollte bei dem Nachkriegseinbau in die Festsaalbau-Ruine der Residenz der Denkmalschutz radikal greifen, während er bei Leo von Klenzes Hofreitschule anscheinend keine besondere Rolle spielt? Bezeichnenderweise hat der Vertreter des Landesamtes für Denkmalpflege in der Wettbewerbs-Jury kein Stimmrecht. Er ist lediglich Berater.

Außerdem ist anzunehmen, dass eine Erweiterung des ohnehin schon vorhandenen Konzertraums Herkulessaal kostengünstiger zu verwirklichen ist als der Komplettumbau des Marstalls. Die Gelder will ja der BR zusammen mit noch anzuwerbenden  Sponsoren aufbringen.

Der Marstall muss, um allen Anforderungen zu genügen, enorm viel erdulden. Gewünscht wird eine "hochwertige Nutzung"  samt  der  "angrenzenden Flächen". Ziel: entweder ein Konzertsaal für 1800 Besucher, Podium, Platz für die Orgel sowie ein Foyer für die gleiche Zahl von Menschen; dann Büros, Übungsräume, Garderoben, Dirigentenzimmer, Technikräume. Oder ein Mehrzwecksaal für 1400 Personen. Dazu gesellen sich zusätzlich ein Theater für 200 Besucher (um das Staatsschauspiel ruhig zu stellen), ebenfalls mit Eingangsbereich et cetera, sowie Werkstätten und Lager. Achttausend Quadratmeter Nutzfläche werden da schnell erreicht. Die Rauminnenfläche des Marstalls beträgt aber nicht einmal 1500 Quadratmeter. Bei solchen Zahlen hat man schon Angst, dass der herausragende Baukörper ästhetisch gesprengt wird - außer man würde in die Tiefe bauen wie beim Kammerspiele-Probenhaus. Aber das kostet. Darüber hinaus müsste das Areal, auf dem einst die Neuveste stand, archäologisch gesichert werden. Das kostet auch. Am Ende wird's am Steuerzahler hängen bleiben.

Überhaupt: Warum ein neues Riesen-Unternehmen starten, wenn noch zahlreiche andere Kultur-Baustellen offen sind? Sie benötigen viel dringender Unterstützung - zumal sie genuin staatliche Institutionen sind: Das Brandhorst-Museum an der Türkenstraße wird 2008 fertig. Die Folgekosten müssen finanziert werden, und zwar vernünftig. Denn schon die drei Pinakotheken sowie Graphische Sammlung, Design-Sammlung und das Architektur-Museum krebsen mit Minimal-Mitteln dahin. Der zweite Bauabschnitt der Pinakothek der Moderne steht noch aus. Das neue Haus der Hochschule für Fernsehen und Film samt dem Museum für Ägyptische Kunst wird an der Gabelsbergerstraße gebaut. Die alten Räume dieses Museums liegen übrigens im gleichen Residenz-Trakt wie der Herkulessaal. Könnten also diesem zugeschlagen werden, wenn dem Orchester daran liegt.

Und dann steht da - im Gegensatz zum Marstall - ein wirklich dringendes Gebäude-Problem an: Das Haus der Kunst ist marode. Darüber hinaus wird der Westflügel frei, wenn das Staatsschauspiel nach der Fertigstellung des Cuvilliéstheaters auszieht. Also muss nicht nur umfassend saniert, sondern eine intelligente Nutzung gesucht werden. "Multifunktionalität" ist das Schlagwort für den Marstall. Das könnte aber viel eher und praktikabler auf das Haus der Kunst zutreffen. Denn Chris Dercon kann mit seinem jetzigen Etat nicht sämtliche Hallen für eigene Ausstellungen nutzen.

Das sind nur die dringlichsten aktuellen Kultur-Unternehmungen in München - in ganz Bayern sieht es genauso aus. Nun neben dem Gasteig einen neuen Mehrzweckbau für die Landeshauptstadt durchdrücken zu wollen, ist unsinnig. Es ist wunderbar, wenn sich ein Finanzminister für Kunst leidenschaftlich einsetzt - aber es muss an den richtigen Orten geschehen.

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