Für Kopf, Herz und Bauch

- Sattgrünes Bergland und der Prospekt eines blauweißen Himmels. Geräusche, Musik, Möwengeschrei, dann ein paar Takte Edward Grieg, rasch abgelöst durch harte Rhythmen. Das Spiel beginnt. Langsam kommen von hinten über die Hügel die Menschen gekrochen; mit Milchkannen, Wassereimern in der Hand rutschen sie zu Tal; an ein Seil gebunden, gleitet fest gezurrt eine weiße Braut hinab.

<P>Nur ein Bursche hält sich noch oben auf den runden Kuppeln, kraftmeiernd, breitbeinig den Abgrund überbrückend. Während er sich über den Bottich beugt und wäscht, gerät die Gesellschaft unten in ein Zucken und Rucken, die Schar der Mädchen formiert sich zum Tanz, bereit, von den jungen Männern genommen zu werden.<BR>Aase mit Kalaschnikow</P><P>"Heimat. In den Bergen" heißt die erste Szene in Johann Kresniks Neuinszenierung von "Peer Gynt". Kein gewaltfreies Idyll. Wie hart es aber hier wirklich zur Sache geht, macht die zweite Szene klar. Peer, der wilde Knabe, ist allein. Aus der grünen Wiese pellt sich Aase, seine Mutter, in der Hand eine Kalaschnikow. Mit politischen Thesen á là Ulrike Meinhof und einem Dialog über die Revolution macht sie - Schlüpfer aus und rauf auf den Jungen - dreist und direkt Sohn Peer zum Mann. Von oben fliegt ein Paar Botten auf die Bühne im Format von Siebenmeilenstiefeln. Peer zieht sie sich an, viel zu groß sind ihm diese Schuhe, mit denen er ab sofort Solvejg, seine Heimat Norwegen, in der plötzlich die Menschen Geweihe auf ihren Köpfen tragen, das Reich der Trolle und die ganze Welt erobern wird.<BR>Das sind Momente von ungeheurer Suggestion, und sie sind nur der Anfang. Zweieinviertel Stunden lang verzaubert dieses Theater seine staunenden Zuschauer, zieht sie hinein in die üppige Bilder- und Gedankenwelt des Szenenerfinders und Provokateurs. Für die Salzburger Festspiele hat sich Johann Kresnik von Dramaturg Christoph Klimke eine neue Fassung des Stücks schreiben lassen - "nach Ibsen", wie es jetzt fairerweise heißt. Ein mit Fremdtexten angereichertes Libretto, vor allem mit Passagen aus Heiner Müllers Stück "Der Auftrag", aus dem folgender Satz leitmotivartig immer wieder zitiert wird: "Was kann mein Auftrag sein, in dieser Gegend jenseits der Zivilisation?"<BR><BR>Das alles ist klug erdacht und gut gemacht. Und mit der Premiere auf der Perner-Insel in Hallein kann von den Salzburger Festspielen endlich Positives berichtet werden. Kresnik inszenierte "Peer Gynt" als ein fesselndes Gesamtkunstwerk aus Schauspiel, Sprache, Tanz und Musik. Als ein atemberaubendes bild- und ausdrucksstarkes Gleichnis auf unsere Zeit, zärtlich und herausfordernd, rätselvoll, leidenschaftlich und ernüchternd, poetisch und politisch. Dabei voller Witz, Ironie und Wehmut.<BR><BR>Zudem nutzt er die Geschichte zu auch selbstkritischer Bestandsaufnahme: Was ist geblieben vom revolutionären Traum von der Veränderbarkeit der Welt? Was von den roten Idealen der 68er? Was von den Ansprüchen an die Gesellschaft, denen sich einst auch das Theater stellte? "Früher gab es mal ein schönes Rot", sagt Peer. Der grüne, die Bühne bedeckende Grasteppich wird weggezogen. Sichtbar werden die darunter aufgetürmten, ascheschwarzen Riesen-Köpfe der falschen Götter des Kommunismus', Lenin und Stalin, aber auch der des einstigen Hoffnungsträgers des Westens, Kennedy.<BR><BR>Später dann: Der Papst und Mutter Theresa, Ghandi und Dolly Buster, Marx und Nietzsche auf großen Fotos; ihren Konterfeis begegnet Peer auf seiner Reise durch die Welt. Doch sie alle werden auf seinem Kopf zerschlagen, während er selbst - nun wie ein Schmerzensmann nackt auf dem Stuhl sitzend - mit großen weißen Papierbahnen umwickelt wird.<BR><BR>Kresnik, der altlinke Kämpe, hat nicht aufgehört, die Bühne zu benutzen, um provokante Fragen zu stellen. Und setzt sich damit in seiner Radikalität wohltuend ab von dem dümmlichen Clip-, Spaß- und Befindlichkeitstheater einer jungen, vielfach eitel von sich selbst berauschten Regie-Generation. Nichts ist in dieser so einfallsreichen Inszenierung ästhetischer Selbstzweck. Nicht die Musik, dieses stimmungsvolle Gemisch aus Grieg, Brahms, Tschaikowsky und knallhartem Sound von heute. Nicht der nahtlose Übergang von Tanz zu Spiel und umgekehrt. Insgesamt ist das Ensemble so Seenot im Planschbecken fantastisch trainiert, dass Kresniks Tänzer und die Schauspieler meist gar nicht zu unterscheiden sind: ob als gehörnte Dorfmenschen oder als in Seenot geratene Atlantikpassagiere in ihren roten Planschbecken, ob als Trolle oder US-Astronauten. </P><P>Die Knochen der Opfer</P><P>Immer hat Kresnik die große Linie des Stücks, das, was er mit diesem "Peer Gynt" erzählen will, im Auge: Wie zum Beispiel der Held nach dem Tod der Mutter auf dem Weg zu Reichtum und Selbstverwirklichung sich immer weiter selbst verliert. Und wie er doch durch die Erfahrungen auf seiner Reise durch eine kalte Welt schließlich wieder  zu sich findet. Da werden die Knochen schubkarrenweise auf den Boden geschüttet: die Opfer falscher Ideologien. </P><P>Und auf den übergroßen Politikerköpfen brennen in den Riesenstiefeln die Totenkerzen. Ein faszinierendes Symbol. Kontrast: USA, nun alleiniger Weltherrscher, heute für Kresnik "jenseits der Zivilisation". Wie in einem Inferno knallen aus dem Bühnenhimmel zirka 2000 Red- Bull-Dosen herunter; und der Regisseur lässt Peer, der hier vergeblich die Ideale seiner Jugend sucht - "was auch Gutes mir geschah, verdanke ich Amerika" -, die amerikanische Flagge zerreißen.<BR><BR>Wenn er am Ende als alter Mann nach Hause zurückgekehrt ist, wird die Bühne wieder mit dem grünen Tuch des Beginns überzogen, Solvejg tritt auf, noch immer Peers alte Filzhausschuhe aufbewahrend; wie eine Pietà wiegt sie ihn in ihrem Schoß.<BR><BR>Doch das ist längst noch nicht alles. Kresnik endet seine Inszenierung so vital wie er sie begonnen hat - in großen, interpretationsbereiten Bildern, auf der sich die drei Peer-Darsteller von Jung bis Alt und alle anderen glänzend behaupten. Eine Aufführung, die Kopf, Herz, Bauch gleichermaßen trifft, bejubelt von vielen, ausgebuht von einigen. Ein "Peer Gynt", der zum Erlebnis wird.</P><P>Weitere Vorstellungen: 5., 6., 8.-12. August. Karten: Telefon 0043/ 662 80 45 407.<BR></P>

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