Der Kopf schafft Klarheit

- "Ich mach' gern den Tanz, wenn wer anderer singt!" So klang vor einigen Jahren noch Angela Denokes Kommentar zum Thema "Salome". Mittlerweile hat sich das geändert. Denn wenn sich morgen Abend in der Bayerischen Staatsoper der Vorhang hebt und Kent Nagano am Pult des Staatsorchesters mit Hausgott Richard Strauss eine neue Ära einläutet, dann singt u n d tanzt die Denoke. Und schert sich nicht darum, dass einst ihre große Kollegin Birgit Nilsson süffisant meinte, man könne die "Salome" entweder singen oder tanzen.

Denoke: "Es geht ja nicht darum, als Tänzerin auf der Bühne zu agieren. Sondern Salome muss den Herodes dazu bewegen, ihr ihre Wünsche zu erfüllen. Sie wirkt stark manipulierend." Mit Strauss‘ "Prinzessin von Judäa" absolviert die sportlich-schlanke Sängerin mit der blonden Kurzhaarfrisur ein zweifaches Debüt: Sie singt zum ersten Mal die "Salome" und zum ersten Mal im Münchner Nationaltheater.

Anfragen gab es schon früher, aber zeitlich klappte es bisher nie. Denn Angela Denoke, die in Hamburg studierte, in ihrem ersten Engagement in Ulm von Mozarts "Figaro"-Gräfin bis zur "Lustigen Witwe" alles sang und dann an Klaus Zeheleins Stuttgarter Oper heranreifte für Marie und Katja Kabanova in Salzburg ­ diese Sängerin ist längst auf den großen Bühnen der Welt zu Hause. Daniel Barenboim überredete sie, im Berliner "Tannhäuser" nicht nur die Elisabeth, sondern auch die Venus zu singen. "Harry Kupfer hat die Figuren mit mir neu erarbeitet. Es hat mir viel Vergnügen bereitet, dieselbe Frau in Hell und Dunkel zu spielen, ihre Licht- und ihre Schatten-Seite. Das ist auch für den Tenor interessant, gerade da, wo sich die Figuren überschneiden."

Angela Denoke liebt es zu spielen. Natürlich hatte sie vor Probenbeginn ihre Salome-Bilder im Kopf. "Fast zu viele", gesteht sie. "Bei der Vorbereitung habe ich viel gelesen, was die Rolle, aber auch was die Geschichte betrifft, und wurde nicht wirklich schlauer. Man muss sich schließlich entscheiden, in welche Richtung man geht, und bei der Zusammenarbeit mit dem Regisseur einen gemeinsamen Weg finden."

William Friedkin, der amerikanische Filmregisseur ("Der Exorzist"), lenkt die Geschicke der neuen Münchner "Salome". Und Angela Denoke verrät: "Er ist ein angenehmer Mensch, und ich habe ihm sofort gestanden, dass ich den ‚Exorzist’ noch nie bis zum Ende angeschaut habe. Entweder lief er zu spät, oder ich fand ihn zu gruselig, ich weiß es nicht mehr. Da lachte Friedkin nur…"

Auch wenn die Sopranistin seine Sicht auf das Oscar-Wilde-Drama nicht wild oder total ungewöhnlich findet, so meint sie doch: "Sie ist sehr eigen." Ziemlich rasch habe sich bei den Proben ein spontaner, rein körperlicher Zugang zur Rolle entwickelt, der Angela Denoke zusagt. Jochanaans Kopf wird ihr jedenfalls überbracht werden.

"Das finde ich sehr wichtig. Salome lebt doch, was ihr Selbstverständnis betrifft, zunächst in einem eher diffusen Zustand. Als ihr zum ersten Mal ein Wunsch, nämlich der nach dem Kopf des Jochanaan, nicht erfüllt werden soll, wird sie auf sich selbst zurückgeworfen. Dieser Kopf schafft Klarheit in ihr. Und sie entwickelt eine merkwürdige Beziehung zu dem abgeschlagenen Haupt, weil sie ja den Mann nicht haben kann. Aber das kann man natürlich auch alles ganz anders sehen", relativiert die Denoke rasch ihren Interpretationsansatz. So, als habe sie sich schon zu weit vorgewagt. Mit Münchens Musikchef Kent Nagano hat sie bereits in Paris bei Hindemiths "Cardillac" zusammengearbeitet. "Wir lernen uns gerade etwas besser kennen. Er hilft mir und unterstützt mich sehr, lässt sich ein auf das, was ich mache." Angenehme Voraussetzungen, vielleicht für weitere Pläne?

Salomes Traum von Isolde

Ungesungene Wunschrollen hat die Denoke nicht. Denn in nächster Zeit werden neben der "Sache Makropoulos" (Paris 2007) noch weitere Debüts, über die sie noch nichts ausplaudern mag, stattfinden. "Natürlich träumt jeder Sopran irgendwann von der Isolde…" Doch zunächst würde sie lieber öfter die Sieglinde singen, "was ich leider viel zu selten tue".

Kraft für die zehrenden Partien sammelt die Sängerin in regelmäßigen Auszeiten und in ihrer norddeutschen Heimat. Denn obwohl Angela Denoke nach dem Abitur aus Stade "floh" und eigentlich nie wieder dort leben wollte, ist sie in die Kleinstadt zurückgekehrt. "Mein amerikanischer Mann wollte nach Stade, und jetzt genieße ich die Ruhe dort und die Nähe zur Natur." Gelegentlich stehen Angela Denoke und ihr Mann, der Tenor David Kuebler, auch gemeinsam auf der Bühne. Sie tun es gern, "denn wir haben uns ja auch auf der Bühne kennengelernt, bei ‚Katja Kabanova’ in Salzburg".

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