Fantasie und Farben , Akrobatik und Musik erzählen die Geschichte von Ikarus mit gutem Ende. Foto: nph/Staubmeier

Kopfüber ins Märchenland

München - Der kanadische Cirque du Soleil hat sein Zelt im Münchner Olympiastadion aufgeschlagen.

Nie ist man dem Flug von Glühwürmchen durch das Dunkel so gebannt gefolgt. Doch jetzt hat der Cirque du Soleil sein Zelt im Münchner Olympiastadion aufgeschlagen – und hier sind glühende Punkte in der Nacht Vorboten und Wegweiser in ein Reich der Fantasie, der Spannung, Komik und Unterhaltung. In den zweieinhalb Stunden, die ihnen folgen, gibt es alles – außer Langeweile. „Varekai“ heißt das Programm aus dem Jahr 2002, mit dem die kanadische Wandertruppe, die längst ein weltweit agierender Showkonzern ist, nach zwölf Jahren erstmals wieder in München Station macht.

„Varekai“ bedeutet in der Sprache der Roma so viel wie „wohin auch immer“. Die Ausgangsidee des Abends ist die Geschichte von Ikarus, jener Gestalt der griechischen Mythologie, die mit selbstgebauten Flügeln der Sonne zu nahe kam und abstürzte. Doch beim Cirque du Soleil geht alles gut aus – Ikarus landet kopfüber im Wunderland, und letztlich ist die Geschichte an diesem Abend auch völlig egal. Denn die Mischung aus Kostümen voller Fantasie und Farben, treibender Live-Musik, die sich munter bei zahlreichen Stilen bedient und dennoch nie beliebig klingt, und Akrobatik auf höchstem Niveau ist mitreißend. Es wirkt, als hätte Dominic Champagne, Autor und Regisseur des Abends, die Optik des Kinospektakels „Avatar“ vorweggenommen: Auf der Bühne, vor einem Wald aus güldenen, zelthohen Stangen kreucht und fleucht es mannigfaltig. Und, ja doch: Es sind Menschen, die sich hier biegen, als hätten sie keine Knochen, die sich dehnen und strecken, als hätten sie keine Sehnen und Gelenke.

Dann kommen die Clowns, denn was wäre ein Zirkus ohne sie? Mit einfachsten Mitteln, mit viel Slapstick und Absurdität lassen sie eine Lachwalze nach der anderen durchs Zeltrund laufen. Und wenn in dieser Show mit Tischtennisbällen jongliert wird, dann ohne diese mit den Händen zu berühren. Aus dem Mund heraus werden die kleinen weißen Kugeln in die Höhe katapultiert und wieder gefangen. Nein, man weiß nicht immer, wo man zuerst hinschauen soll, wünscht sich auch öfter mal Zeitlupe herbei. Denn da fliegt schon wieder ein Kostüm, ein Requisit, ein Mensch durch die Luft – man weiß nicht, woher, wohin – und doch wird alles sicher landen.

Der Abschluss ist, einmal mehr, eine halsbrecherische Nummer mit zwei russischen Schaukeln. Bleibt zu hoffen, dass das jener Mensch nicht sehen muss, der diese Artisten krankenversichert hat. „Varekai“ ist große Zauberei. Und wie wunderbar, dass man diesen Zirkus genießen kann, ohne mitleiden zu müssen mit gequälten Tieren, die traurig durch die Manege trotten. Denn in diesem Märchenland ist alles von Menschenhand – und der Fantasie.

Von Michael Schleicher

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bis 2. Mai; Karten unter Telefon 0180/54 81 81 81.

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